Minimalismus im Literaturbereich

Minimalismus als Grundkonzept

Seit längerer Zeit bin ich eine große Anhängerin des Minimalismus – so wenig wie möglich sowie nachhaltig konsumieren und im Idealfall auch arbeiten erscheint mir aktuell als sinn- und wertvolle Lebenseinstellung. Gerade in der Großstadt gibt es bereits viele Möglichkeiten zu leihen, zu schenken oder zu tauschen und auf viele Dinge/Menschen/Ablenkungen kann ich auch probemlos verzichten. Mehr Zeit, mehr Raum, mehr Geld sind die vorwiegenden Vorteile, zudem wird der persönliche ökologische Fußabdruck stetig kleiner.

Meine empfehlenswerten Communities/Medien:

Nebenan (Deutsch: Nachbarschaftscommunity für den Austausch von Zeit/Fähigkeiten/Dingen)

Foodsharing (Deutsch: Lokale Community, in der Lebensmittel getauscht & verschenkt werden)

The Minimalists (Amerikanisch: Podcast & Informationen über Minimalismus)

Zen Habits (Amerikanisch: Leo Babauta über einfaches, positives Leben allein & mit Familie)

Unverpackt Einkaufen – Zero Waste FB Community – Praktischer Austausch über Nachhaltigkeit

Meine Grundregeln:
  • jeden Tag drei Dinge aussortieren (Größe/Wert egal)
  • nichts behalten, was keinen wahren Nutzen für mich hat
  • nichts behalten, was evtl. einen Nutzen hat, von mir aber nie oder nur einmal verwendet wird
  • keine Shoppingbummeleien
  • Einkaufen nur mit Plan/Liste
  • jede Neuanschaffung (ausser Haushaltswaren) muss zwei Wochen auf einer Liste warten, über 100 Euro vier Wochen, um Reflexkäufe zu vermeiden
  • vor dem Neukauf überlegen, ob diese auch leihbar ist oder aber gebraucht zu erwerben
  • nur Geschenke machen, die verbraucht werden können (Blumen, Zeit miteinander, Selbstgebackenes etc.)
  • nur Neues kaufen, wenn die alte Version kaputt gegangen ist oder es tatsächlich langfristig einen  Nutzen im Haushalt hat (sonst leihen)
  • nichts kaufen, um negative Emotionen zu vermeiden/umgehen
  • Menschen vermeiden, die Konsum als notwendig/wichtig ansehen und ihr Umfeld in diesem Rahmen bewerten

Selbstverständlich gibt es auch sehr gute Bücher, die sich mit diesem Thema auseinandersetzen – aber sowohl für Anfänger als auch Fortgeschrittene nicht unbedingt notwendig sind. Minimalismus ist in allen Lebensbereichen möglich, jeder sollte aber für sich unterschiedliche Lösungen finden dürfen – die Literatur unterstützt vielseitige Auseinandersetzungen. Das Befreien von Unnötigem (Gegenstände/Hobbies/Jobs/Menschen) kostet oft Kraft und ist manchmal psychisch belastend. Manchem hilft es deswegen, dieses Thema gemeinsam mit Freunden/Familie (vielleicht auch erst im spielerischem Rahmen) zu bearbeiten oder sogar in einer Therapie. Wem die kostenlosen Informationen im Internet nicht ausreichen, von denen aber wirklich genug vorhanden sind (bitte nicht Lesen als Prokrastination verwenden), der findet vielleicht/hoffentlich Unterstützung in folgender, von mir gelesen und als hilfreich befundener Literaturauswahl (extra minimalistisch sparsam) zum Thema Minimalismus (die gern gebraucht erworben oder aber in der Bibliothek ausgeliehen werden kann):


Joachim Klöckner „Der kleine Minimalist“

Der ehemalige Energieberater Joachim Klöckner hat sich von allem getrennt, was für ihn keinen dauerhaften Wert besitzt und lebt den Sharinggedanken bis ins kleinste Detail. Mittlerweile lebt und arbeitet er mit knapp 50 Gegenständen und reist ohne festen Wohnsitz durch die Welt. In seinem ebenfalls nur auf die notwendigsten Gedanken beschränkten Buch teilt er seine grundsätzliche Philosophie und gibt damit ohne moralischen Zeigefinger Inspiration sowie Motivation, es ihm wenigstens in Teilen nachzumachen. 

Sehenswert: Joachim Klöckner im Video 

NP: 18 Euro // 128 Seiten // ET: 01-2018 // EcoWin Verlag

Amazon + Buchhandel.de + Reuffel + Ocelot


Marie Kondo „Das große Magic Cleaning Buch“

Ausmisten klingt total einfach – aber sinnvoll und nachhaltig Ordnung halten, ist dann in der Umsetzung meist weit schwerer als gedacht. Mehrere To Do Listen später ist der Dachboden immer noch voll. Und was machen wir eigentlich mit den alten Geschenken? Oder das teure Kleid, dass wir uns damals spontan kauften und irgendwann, also ganz sicher, total bestimmt anziehen, nur eben die letzten zehn Jahre war kein Anlass da? Marie Kondo ist die internationale Expertin für Ordnung in allen Bereichen und bringt viele sinnvolle Empfehlungen und Handlungsweisen für jeden Lebensumstand mit. Ein praktischer Ratgeber mit Basiswissen sowie zukünftigen Alltagstricks!

Sehenswert: Aufräumen nach Marie Kondo – Erfahrungsbericht

NP: 15 Euro // 320 Seiten // ET: 03-2018 // Rowohlt Verlag

Amazon + Buchhandel.de + Reuffel + Ocelot


Werner Tiki Küstenmacher „Simplify your life“

Die Originalausgabe erschien bereits vor fünfzehn Jahren und ist bis heute der wichtigste Grundlagenratgeber in Eigenorganisation und Zeitmanagement – inzwischen mehrfach überarbeitet und ergänzt. Je mehr Ordnung die einzelnen Lebensbereiche haben, desto seltener kommt es zu emotionalen Spontankäufen, Panikattacken aufgrund chaotischer Zustände oder Verschwendung von Ressourcen. Wer noch nicht ausreichend mit Systemen und Planungen vertraut ist, wird hier für einmaliges „Klar Schiff machen“ als auch regelmässiges Überarbeiten geschult. 

 

Nutzenswert: kostenlose Downloads des Simplify-Teams

NP: 22 Euro // 453 Seiten // ET: 10-2016 // Campus Verlag

Amazon + Buchhandel.de + Reuffel + Ocelot


Pedram Shojai „Urban Monk“

Der ehemalige Mönch und Mediziner Shojai verweist auf unsere Grundsätze – was ist wichtig im alltäglichen Leben, was gibt uns Kraft zurück (Spoiler: keine Produkte), was können wir ganz praktisch verändern. Er behandelt in seinem Buch das Thema Minimalismus weniger konsumorientiert als philosophisch und gibt inspirierende Aktionsansätze anhand von Beispielen, Energieverwaltung als Grundprinzip für jede Entscheidung.

NP: 18 Euro // 384 Seiten // ET: 09-2017 // Allegria Verlag

Amazon + Buchhandel.de + Reuffel + Ocelot 


Minimalismus im Literaturbereich (privat)

Im Prinzip benötigt Minimalismus keine bis wenig Anleitung. Weniger ist mehr – in allen Lebensbereichen. Dazu gehört eben auch die Literatur und eine Branche, die (mit Ausnahmen) immer mehr statt weniger produziert und Nachhaltigkeit nur als Trendthema, nicht als Arbeitsauftrag versteht und umsetzt. Die Angestellten, Autoren und Händler leiden zunehmend darunter. Viele meiner Follower und Kollegen haben Regale voller ungelesener Bücher und kaufen trotzdem immer mehr bzw. unterstützen den Markt weiterhin. Die Beiträge über die dazugehörige Überforderung steigen. Viele haben Schuldgefühle, nicht alles lesen zu können, den Preisen und Challenges nicht nachzukommen oder Bücher, die keinen Gefallen finden, überhaupt abzubrechen. Die negativen Folgen des Konsums und ein Teufelskreis: weil so viele Bücher daheim derart verwirren, dass man nicht weiß, welches nun gelesen werden soll, werden einfach noch mehr gekauft, um eine kurzfristig positive Emotion zu erzeugen. Der Stapel wächst, die Frustration auch. Dabei haben wir alle zumindest kleine bis größere Stellschrauben, an denen wir drehen und verändern können.

Mögliche Lösungswege:
  • den Wert eines Buches nicht im Besitz, sondern im Inhalt erkennen
  • sich sensibilisieren für die Werbemechanismen der Verlage & Händler
  • „muss man gelesen haben“ als den Marketingclickbaitingfuck benennen, der es ist
  • eine Grenze für Bücher schaffen, die man behält – den Rest verkaufen/verschenken
  • insofern kein beruflicher Zwang besteht, aktuelle „Trendlektüre“ ignorieren
  • den Neuerscheinungswahnsinn nicht mitmachen – gute Literatur hat kein Verfallsdatum
  • Challenges & Hypeaktionen auf den sozialen Netzwerken nicht unterstützen
  • immer nur ein Buch lesen & bei Nichtgefallen sofort für Abbruch und Weitergabe entscheiden
  • kein Aufschieben a la „irgendwann lese ich es nochmal/weiter“
  • sich ein festes Budget für Literatur zu setzen
  • Wunschbücher erst auf eine Liste setzen & frühestens nach einem Monat „einlösen“
  • Literatur nicht als emotionale/praktische Prokrastination verwenden
  • eine Höhe der ungelesenen Bücher daheim festsetzen und daran halten
  • Sharingmöglichkeiten im Literaturbereich nutzen
  • Ramschware vermeiden (wenn erkennbar)
  • lieber mehr Geld für weniger Bücher ausgeben, die dafür nachhaltiger produziert sind

Webseiten/Communities, die den Kreislauf gebrauchter Literatur (günstiger & nachhaltig) unterstützen, habe ich HIER bereits vorgestellt. Unabhängige Verlage sowie unabhängige Buchhandlungen (d.h. keine Großkonzerne oder diesen zugehörig) arbeiten meistens nachhaltiger und wertschätzender. Aber wie immer kann hier nicht nach Schwarz/Weiß entschieden werden – im Idealfall setzt Ihr Euch mit den Projekten und Menschen dahinter auseinander.

Minimalismus im Buchbereich – beruflich

Da ich beruflich dennoch weiterhin nicht unbedingt den Konsum d.h. Verkauf von Büchern, jedoch den Nutzen von Literatur als Kulturprodukt unterstützen möchte und meine Existenz davon abhängt wirklich enorm viel zu sichten und zu lesen, habe ich für mich noch weitere machbare Veränderungen gefunden:

  • gedruckte Vorschauen abbestellen (Papierverschwendung UND Überforderungsgefühlmaximierung)
  • keine unangeforderten Bücher oder Geschenke fördern (steht schon auf der Homepage, deutlicher in der Kommunikation mit Kooperationspartnern werden)
  • kein Unboxing mehr (reines Abfeiern des Konsumprodukts)
  • mehr Wege für Literatur finden, die die mir wichtigen Themen Nachhaltigkeit / Gesellschaft / Selbstoptimierung / wertvolles Leben behandeln
  • die Probleme der Literaturbranche mit diesen Themen ansprechen und evtl. gemeinsam Lösungsmöglichkeiten finden (siehe aktueller Beitrag)
  • Veranstaltungen/Projekte/Menschen meiden, die der Egosteigerung & Konsummaximierung dienen
  • mit Autoren/Verlage/Buchhandlungen zusammenarbeiten, die meine Werte vertreten und einen geeigneten finanziellen Mittelweg finden (beständige Herausforderung)
  • stärker ins regionale, gemeinsame Gespräch gehen
  • Reichweite als Möglichkeit und Verantwortung sehen, nicht als Marktwert

Ich habe aktuell zwei Regale: eines für die Literatur, die ich gern behalten möchte und eines für die Literatur, die ich geschickt bekomme und für meine tägliche Arbeit benötige. Zudem noch eine kleine Vitrine, in der alte, in Leinen oder Leder gebundene Bücher aus der Bibliothek meiner Großmutter stehen. Bei jedem neuen Buch entscheide ich mich sofort, ob ich es realistisch lesen möchte/werde oder nicht (ich erhalte viel ungefragt zugeschickt, normale Leser_Innen überspringen diesen Schritt) und falls ja, nach 50-100 Seiten erneut: welchen Wert hat dieses Buch für mich (inhaltlich, beruflich, emotional) und welche Priorität hat dies im Vergleich zur stetig kürzer werdenden Lebenszeit. Ich breche inzwischen sehr schnell viel Lektüre ab und lege diese dann gleich auf den Verschenkestapel (entweder Diakonie/Freunde/Aussetzen) – ganz selten kommt es direkt ins Altpapier (bei Druckfahnen etc.).

Für Bücher, die ich aussortiere (beide Regale werden jeweils alle drei Monate nochmal komplett durchgekuckt und neu bewertetet), habe ich einen neuen Weg gefunden – ich schicke sie auf die Reise zu neuen Leser_Innen! Ich klebe zwei Aufkleber mit Informationen drauf und rein und setze sie an den unterschiedlichsten Orten meines Alltags aus und weise in den Instagram Stories darauf hin. Im Zug, im Bus, auf Geschäftsreisen oder privaten Ausflügen – immer wieder packe ich ein paar Titel ein und lege sie einfach an einem geschützten Platz sichtbar aus (siehe auch Bookcrossing). Meine Intention: ich mache einem unbekannten Menschen mit dem Buch hoffentlich eine Freude und damit fällt es mir sehr leicht, es herzugeben. Im Idealfall haben sogar mehrere Leser_Innen etwas davon, weil der/die Finder es nach dem Lesen ebenfalls weiterspenden. Vielleicht (bisher noch nicht geschehen) meldet sich auch jemand aufgrund der Kontaktmöglichkeit und es startet ein weiteres Gespräch über Literatur – oder Menschen fühlen sich inspiriert, ebenfalls Bücher auszusetzen.

Wer dies nachahmen möchte (ich bitte ausdrücklich darum): die Etikettenaufkleber HERMA 4357 (Titel) sowie HERMA 5077 (Innenblatt) können auf der Herstellerhomepage schnell, einfach und kostenlos persönlich gestaltet und unkompliziert ausgedruckt und dann verklebt werden (geht natürlich auch mit Ausdruck auf normalem Papier + Ausschneiden + Aufkleben mit Kleber). Dazu können Texte oder aber Grafiken verwendet werden, ich habe die kostenlose Designsoftware Canva genutzt.

Zudem geht gerade der von Milena Glimbovski (Original Unverpackt) und mir gegründete FB Literaturclub zu Umwelt & Gesellschaftsthemen in die zweite Runde und jeder Leser ist jederzeit herzlich dazu eingeladen. Es gibt keinen Zwang das aktuelle Lesekreisbuch mitzulesen (oder gar zu kaufen), wir freuen uns auch über jeden allgemeinen Austausch bzw. alternative Lektürethemen.

Wir bitten Verlage/Autoren davon abzusehen, uns ihre Produkte zu empfehlen – wir gehen eigenständig auf Partner zu.


Fazit:

Dies ist mein aktueller Stand, morgen werde ich vielleicht schon zwei Schritte weiter sein. Dafür ist Anregung nötig, Motivation, Raum für Fehler und die Disziplin, es besser zu machen, wenn man es besser weiß. Aber auch Mut, Veränderungen anzugehen und diese nach außen zu verteidigen. Unsere Entscheidungen hängen von vielen Faktoren ab und nicht immer ist uns die sinnvollere Handlung möglich, dies sollte aber nicht als dauerhafte Ausrede taugen, sondern als Ermunterung alternative Lösungen zu finden. Vielleicht ist es manchmal besser Online zu bestellen, als 60 Kilometer zur nächsten Buchhandlung zu fahren. Vielleicht braucht man das Buch aber auch gar nicht unbedingt heute, sondern kann warten, es sich mitbringen lassen oder es sich in der Bibliothek/Onleihe leihen. Wen viele Regalmeter voller Literatur glücklich machen, der benötigt keine Rechtfertigung. Bei Minimalismus und Nachhaltigkeit gibt es kein Endergebnis. Es geht nicht um Perfektion, sondern um Evolution – die beständige Weiterentwicklung des Einzelnen und die Inspiration (nicht Fremdbestimmung) Anderer.

Minimalismus spart Zeit, Raum, Geld für weiteren inneren Aufbruch. All das kann für weitere Entwicklung genutzt werden, auch mithilfe und durch Literatur. Ich glaube weiterhin, dass beides möglich ist: Konsum und Wertschätzung. Vielen Dank, dass Ihr meine Gedanken bis hierhin verfolgt habt und dies vielleicht auch weiterhin auf allen Kanälen tut. Wenn wir Möglichkeiten des positiven Austauschs finden (die Definition liegt bei jedem selbst), freue ich mich darüber. Literatur bedeutet für mich ein lebendiges Gespräch – setzen wir dies gemeinsam fort ..



Ihnen hat dieser Artikel gefallen? Dann tragen Sie sich gern für den Newsletter ein – er versorgt Sie regelmässig mit den neuesten Buchtipps, spannenden Interviews und allem Wissenswerten aus der Literaturwelt! JETZT ABONNIEREN!

 

You may also like