Interview mit Autorin Sarah Elise Bischof zu „Panthertage“

Dieser Beitrag ist die ultimative Lobhudelei auf eine bunte, intelligente, humorvolle, wunderschöne und vor allen Dingen starke Frau, die heute ihr erstes Buch veröffentlicht. Dass es ausgerechnet am 26. März erscheint, hat einen Grund: es ist der „Purple Day for Epilepsy Awareness“ und Sarah Elise Bischof schreibt in ihrem Buch „Panthertage“ von ihrem Leben mit dieser Krankheit (Leseprobe). Sie erhielt im Jahr 2004 mit Anfang Zwanzig die Diagnose Grand-Mal-Epilepsie. Sie strauchelt. Sie kämpft. Sie wechselt die Ärzte, die Medikamente und steht nach jedem Anfall wieder auf. Sie studiert Kulturmanagement und Literaturwissenschaft und arbeitet nebenbei bei LovelyBooks. Als Werkstudentin lernt sie dort von mir und im Alltag ich von ihr, von ihrem unbändigen Lebenswillen. Neben der damaligen Zeit als Kolleginnen verbindet uns dieses Buch, da ich sie damals beim ersten Treffen mit ihrer heutigen Verlegerin begleiten durfte. Grund genug, um ihr pünktlich zum Erscheinen ein paar Fragen zu stellen!


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© Rosanna Motz, Eden Books

Wir saßen zusammen vor eineinhalb Jahren mit Deiner heutigen Verlegerin Jennifer Kroll im Cafe. Was war Dein erster Gedanke, als sie Dich bat ein Buch über Deine Erfahrungen zu schreiben?

Ich war total aufgeregt, deshalb habe ich dich ja auch eingepackt. Ich wusste, dass du streng bist und ich mich dann zusammenreiße. Es schossen Gedanken durch meinen Kopf, die von Freude und Aufregung bis zu Angst und Verunsicherung reichten: Kann ich das? Will ich das? Wie viel bin ich bereit preis zu geben? Doch in erster Linie habe ich tatsächlich gedacht: Freu dich nicht zu sehr, am Ende klappt es doch nicht. – Es hätte in mein Leben gepasst, ein Leben, das nie nach Plan läuft und dennoch lebens- und liebenswert ist. Wenn etwas außergewöhnlich Schönes passiert, habe ich immer Angst, dass es wie eine Seifenblase im Sonnenlicht glitzert und mich mit seiner Schönheit einlullt, um kurz darauf zu platzen, weil es einfach schon häufig so gelaufen ist. Deshalb war ich auch ungläubig, bis ich schließlich das erste Exemplar in den Händen hielt. Dann dachte ich, ich platze vor Glück!

Warum hast Du Dich in der Autobiographie für eine Sarah entschieden, die nicht unbedingt komplett mit der Autorin übereinstimmt?

Ich ziehe mich seelisch vollkommen nackt aus in meinem Buch. Umso merkwürdiger mag es klingen, dass es mir dennoch wichtig war, so weit wie möglich meine Privatsphäre zu schützen. Die Geschichte meiner Epilepsie ist real und all meine Gefühle und Gedanken ebenso. Doch so habe ich die Lebensgeschichte der Buch-Sarah, ihre Familie, Freunde und Männer teilweise mehr und teilweise weniger verfremdet, um mich nicht vollkommen bloß zu fühlen. Darüber hinaus liebe ich das Schreiben und hatte so viele Ideen und Gedanken im Kopf, bei denen es mir unfassbare Freude bereitete, sie mit meinen realen Erlebnissen zu verflechten. Während des Schreibprozesses hieß Sarah noch Emma, das war im Endeffekt sehr wichtig, denn sonst hätte ich nicht so offen und völlig ungeschönt über die Erfahrungen mit Epilepsie schreiben können.

Warum sollten möglichst viele Menschen Dein Buch lesen und vor allen Dingen – über Dich und Deine Krankheit sprechen?

IMG_2514Über mich als Person brauchen die Menschen gar nicht so viel sprechen, ich bin ziemlich unspektakulär, finde ich. (Anmerkung der Kolumnistin: Pah!) Die Menschen dürfen und sollen umso mehr über mein Buch und Epilepsie reden. In Deutschland gibt es 600.000 Menschen mit Epilepsie. Dies verdeutlicht, dass wir Epileptiker in der Mitte der Gesellschaft sind, es ist die häufigste schwere Erkrankung des Gehirns. Und dennoch wissen so wenig Menschen, was Epilepsie genau bedeutet, dass es ihr Kollege, Cousin oder die Nachbarin hat, dass es viele verschiedene Formen gibt und was bei einem Anfall zu tun ist. Unwissen führt zu Angst und Vorurteile wachsen aus eben diesen Ängsten. Nur indem das Thema in den Fokus gerückt wird, kann eine aufgeklärtere Gesellschaft entstehen, deren Vorurteile geschwunden sind und dies wiederum führt zu einer erheblich größeren Lebensqualität von uns Epileptikern, die dadurch viel offener mit der Erkrankung umgehen können und weniger Angst vor Ablehnung, Stigmatisierung und beruflichen wie sozialen Nachteilen haben müssen.

Ich hoffe zudem, dass es viele Menschen gibt, die mein Buch und die Geschichte einfach toll oder schön geschrieben finden und es alleine deshalb als lesenswert erachten.

Was ist das Schlimmste und was ist das Beste an der Epilepsie? Inwiefern hat sie Dein Leben und Deinen Charakter evtl. auch zum Guten verändert?

Das Schlimmste ist die Unberechenbarkeit. Theoretisch kann ich in jeder Sekunde meines Lebens einen Anfall erleiden. Ich hatte schon Anfälle an den verschiedensten Orten und die Krankheit könnte in genau dieser Sekunde wieder zuschlagen. Es war ein langwieriger Prozess, bis ich dennoch weitestgehend angstfrei meinen Alltag bestreiten konnte.

10606388_10152598803147560_5481681521428380298_nDas Beste ist, dass man einen völlig neuen Blickwinkel auf das Leben erhält. Es ist merkwürdig im Bezug auf eine so schwere chronische Erkrankung von etwas Gutem zu reden. Ich hätte lieber auf sie verzichtet, aber dann wäre ich sicherlich nicht der Mensch, der ich heute bin. Ich sage immer, ich liebe mein Leben trotz der Epilepsie. Würde ich es nicht lieben, hätte ich immer noch Epilepsie. Man darf seine Lebensfreude und das Gefühl von Glück nicht von äußeren Umständen und anderen Menschen abhängig machen. Es muss aus dem Inneren kommen, man muss es wollen und annehmen. Nicht dein Partner kann dich glücklich machen, sondern das, was du in die Beziehung steckst und wie du sie lebst. Nicht das schöne Wetter kann dich glücklich machen, sondern das was du aus einem sonnigen Tag herausholst, wie du ihn gestaltet. Ich saß auch schon traurig in der Sonne und bin glücklich durch Regenpfützen gesprungen (ja, das darf man auch jenseits der 30) oder bei Windstärke 8 neben einem halb fliegenden Hund voller Glückseligkeit über einen Deich spaziert.

Damit will ich nicht sagen, dass man immer fröhlich sein soll, bisweilen hasse ich das Leben und die Welt und finde so Vieles ganz fürchterlich ungerecht. Dann verkrieche ich mich im Bett und motze und schimpfe und schlage in die Kissen. Doch die Grundeinstellung zum Leben und zu meinem ganz persönlichen Schicksal liegt in der eigenen Hand, ebenso wie die Frage: bin ich insgesamt glücklich?

Zudem weiß ich, dass es manche Menschen nicht wert sind, an ihnen festzuklammern. Wenn dir jemand nicht gut tut, wenn jemand nicht für dich da ist, gib ihn auf. Mach kein Gewese drum, aber tu dir selbst den Gefallen. Du hast nur dieses eine Leben und morgen kann sich alles ändern: Also umgib dich weitestgehend mit Menschen und Dingen, die dir wohlgesonnen sind und eine Bereicherung.

Vor über zehn Jahren fing alles an. Du hattest die ersten Anfälle und ahntest noch nicht im entferntesten, was da auf Dich zukommen würde. Was würdest Du der jüngeren Sarah aus der heutigen Sicht gern sagen? Was würdest Du gern all denjenigen sagen, die aktuell mit der Diagnose Epilepsie konfrontiert werden?

Es kommt immer ein neuer Frühling. Wirklich!

Warum ist der heutige Tag (abgesehen von der Buchveröffentlichung) immer der beste Tag, den es geben kann?

Weil ich weiß, dass sich das ganze Leben von einem auf den anderen Tag komplett ändern kann. Wir haben keine Garantie auf unser Leben und auf unsere Gesundheit schon gar nicht. Doch ich habe nur ein Quäntchen meines Schicksals in der eigenen Hand und somit ein Quäntchen von den Umständen, die einen einzelnen Tag ausmachen. Doch es ist meine Entscheidung, ob ich aus diesen fremdbestimmten Umständen das Schlechteste oder das Beste heraushole. Glück kann manchmal eine Schaukel sein, ein Luftballon, eine Begegnung, eine Nachricht, ein Bild, ein Lied, ein Moment, ein Glas Wein, ein kühles Bier, ein Fuß im Meer – fang alles ein und stell es ins Erinnerungsmuseum. Abends weißt du dann: In Anbetracht aller Umstände, die ich nicht beeinflussen kann, war es der allerbeste Tag, der es werden konnte!

Du beschreibst auch einen Termin beim Jobcenter und wie problematisch die Auseinandersetzung mit Arbeitgebern sein kann, obwohl Du – das weiß ich ja aus eigener Erfahrung – eine tolle Mitarbeiterin und Kollegin bist. Wie sieht es da bei Dir aktuell im Leben der richtigen Sarah aus?

Ach, es ist eine Katastrophe. Ich habe über 150 Bewerbungen geschrieben. Auf Bewerbungen, in denen ich meine Behinderung anführte, wurde oft nicht einmal reagiert. Insgesamt hatte ich bislang vier Vorstellungsgespräche. Zwei Jobs gab es angeblich auf einmal nicht mehr, nachdem ich von der Epilepsie berichtete, einer war plötzlich auf sechs Wochen befristet, und beim Dritten sagte der – öffentliche – Arbeitgeber, dass sie mich nur einladen, weil sie es ja aufgrund meiner Behinderung müssen. Wörtlich! Um sich und mir Zeit zu sparen fragten sie, ob ich unter diesen Umständen überhaupt noch zum Gespräch kommen wolle. Ich ließ mich nicht so demütigend abwimmeln und ging erhobenen Hauptes hin. Die Absage erhielt ich dennoch gewissermaßen in dem Moment, in dem ich aus der Tür ging, noch ehe überhaupt alle Bewerbungsgespräche geführt waren. Das war eine Farce. Sie mussten mich einladen, weil ich ausreichend qualifiziert und behindert bin. Ich vertraue dennoch darauf, dass sich alles irgendwann zusammenfügt, und auf all diese diskriminierenden Niederlagen der besagte Silberstreifen am Horizont folgt, wobei ich einen Regenbogen bevorzuge. (Anmerkung der Kolumnistin: Stellt Sie ein, Ihr Verlage, Literaturhäuser, Kulturinstitutionen!) 

Welches Gefühl sollte man im Bauch tragen, wenn man mit dem Roman fertig ist?

10485533_10152598802107560_873125774921296892_nMan soll fühlen, dass das Leben nicht leicht ist, aber schön. Und das Schicksal ein wankelmütiges Freudenmädchen, dass dich bisweilen beglückt und dann wieder ohne Rettungsring ins Polarmeer stößt. Doch auch im Polarmeer und allgemein allem Düsteren und Kalten findet sich auch ein bisschen Glitzer und für das ganz große Glück bedarf es im Endeffekt nur Einhörner, Seifenblasen und Luftballons. Und vielleicht ein, zwei Menschen, die sich mit dir daran erfreuen. Und natürlich einen Hund und manchmal ein Gläschen Blubberwasser.



Liebe Leser: Sarah schreibt in ihrem Roman zauberfein über ihr Leben mit der Krankheit und den ständigen Kampf, der Epilepsie nicht einen Millimeter Raum zu viel zuzugestehen sowie dazwischen als liebende, lachende, feiernde und studierende Mittzwanzigerin einen Platz im Leben zu finden. Kauft und lest dieses Buch, diskutiert mit anderen Menschen darüber, begleitet Sarahs Leben auf Facebook und informiert Euch über Epilepsie!

Liebe Sarah: Du bist nicht behindert. Du bist ausgezeichnet. Ich bewundere Deine Stärke und Deine Lebensfreude und neuerdings darf ich auch Dein Schreibtalent bewundern. Du kannst vielen Menschen mit diesem Buch helfen, ein Vorbild oder eine Begleitung sein, eine Sprecherin für die, die nicht solche Worte finden. Für mich ist dieser Roman ein Anfang. Ein erstes Aufschimmern von dem, was Du uns noch zeigen wirst. Und falls Du doch mal wieder fällst, dann denk an unsere Parkbank: ich bring die Steine mit, Du den Aquavit!


„Panthertage“ von Sarah Elise Bischof + Eden Books Berlin + ISBN 9783944296937 + 14,95 Euro + 256 Seiten + als Print-Buch und E-Book erhältlich +

 

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