„Ein guter Plan“ – eine achtsame Erfolgsgeschichte!

Der Literaturbetrieb ist im Wandel und hat auch mithilfe der Digitalisierung eine Demokratisierung erfahren. Autor_Innen sind heute nicht mehr auf große Publikationshäuser angewiesen und veröffentlichen via Selfpublishing oder rufen gleich eigene Verlage ins Leben. Eine der größten Erfolgsgeschichten der letzten Jahre kommt aus Berlin, Milena Glimbovski (Gründerin von „Original Unverpackt“) und Jan Lenarz (Mental Health Activist) gründeten vor drei Jahren via Crowdfunding den Verlag „Ein guter Verlag“ und von ihrem Kalender „Ein guter Plan“ verkauften sie bis heute deutschlandweit über 100.000 Exemplare, er wurde zudem inzwischen vielfach kopiert. Grund genug, um pünktlich zum Jahresübergang auf das Original hinzuweisen und die beiden Geschäftsführer zu ihrer Erfolgsgeschichte zu befragen:


Lieber Jan, liebe Milena – Euren   Verlag „Ein guter Verlag“ gibt es jetzt seit Ende 2015, also    erst knapp drei Jahre. Ihr kommt beide nicht aus dem Literaturbereich und habt es trotzdem oder deswegen in kürzester Zeit zu den Wunderkindern der Buchbranche geschafft. Wie fing alles an?

Jan: Ich habe jahrelang als Designer und Berater für Sozialunternehmen gearbeitet und 2012 dann mit Vehement mein eigenes Social Start-up gegründet. Plötzlich hatte ich ein internationales Sportunternehmen an der Backe und hatte keine Ahnung, was ich da eigentlich tue. Da die Investitionen all mein Geld verschlangen musste ich noch mehr Designaufträge annehmen, diesmal mit Existenzangst im Nacken. Sowas kann man psychisch maximal zwei Jahre durchhalten, deswegen hatte ich 2015 einen Burnout. Meine Therapeutin schickte mich relativ schnell in den Urlaub, da ich so gestresst und angespannt war, dass eine Therapie nicht zielführend war. Ich beschäftige mich dann einige Monate in Mexiko mit mir selbst und meinen Erwartungen. Will ich wirklich um jeden Preis erfolgreich sein? Brauche ich Erfolg um glücklich zu sein? Die Antwort lautete “Nein”. Ich lernte auf mich aufzupassen und hinterfragte dabei den Leistungsdruck unserer Gesellschaft. Auch wenn es wie ein Klischee klingt, als ich zurück kam war ich ein neuer Mensch. Und mir wurde klar, dass ich auch alle meine Freund*innen in ihren Start-ups selbst ausbeuten und viel zu wenig auf ihre Bedürfnisse achten.

Milena: Als Jan zurück kam, war ich gerade selber erst in dieses Loch gefallen. Ich arbeitete Vollzeit bei Original Unverpackt, führte ein VollzeitStudium, was ich unbedingt beenden wollte. Bis dann der Burnout kam und gar nichts mehr ging. Mein Körper drückte auf Reset und ich musste nochmal neustarten und neuorientieren. Jan und ich saßen damals viel zu sammen und redeten über Fokus, neue Prioritäten, Werte, was wichtig ist, und wie man das eigentlich rausfindet. Ich hatte viele Fragen, aber keine Antworten. Dann haben wir nach Techniken gesucht und uns auch welche ausgedacht, die genau helfen diese Antworten rauszukitzeln. Ein Kalender wurde es im Endeffekt, damit man sich nicht nur einmal hinsetzt und die Schmalzarbeit macht, sondern regelmässig im Laufe eines Jahres daran erinnert wird, dass man innehalten soll und sich fragen, ob man noch auf dem richtigen Weg ist.

Jan: Wir wussten, dass Ein guter Plan das Potential hat, nicht nur unseren Freund*innen und uns zu helfen, sondern dass es auch Menschen außerhalb der Berliner Start-up-Szene gut tun würde, sich mehr um sich selbst zu kümmern und ihren Alltag zu entschleunigen. Milena und ich hatten schon einige erfolgreiche Crowdfunding-Kampagnen absolviert, deswegen war uns klar, dass wir unser Buch auch so finanzieren möchten. Die erste Auflage sollte 500 Exemplare umfassen, dafür wollten wir 15.000 Euro einsammeln. Nach 30 Tagen hatten wir 8.000 Vorbestellungen zusammen und 190.000 Euro eingenommen. Keine Crowdfunding-Kampagne auf Startnext hatte jemals so viele Unterstützer*innen.

Milena: Das hat uns umgehauen. Aber zeigte auch, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Achtsamkeit und Stressvermeidung sind das Thema unserer Generation, die gelernt hat, immer härter zu arbeiten, sich mehr zu optimieren, aber eben nicht auf sich aufzupassen. Das Feedback war überwältigend, wie vielen Leuten das Buch geholfen hat. Wir erhielten Mails von Leuten, die ihre Jobs kündigten, endlich eine große Reise machten, eine Beziehung änderten, weil sie merkten, dass sich was ändern muss. Uns motivierte es, uns dann mehr in dem Bereich zu engagieren und einen Verlag zu gründen.

Inzwischen gibt es nicht nur den Achtsamkeitskalender „Ein guter Plan“ (Auflage für 2019 45.000 Stück) sondern auch eine ergänzte Produktpalette. Aus der ersten Idee und dem Wunsch auf nachhaltige Literaturangebote wurde ein kleines Unternehmen und Ihr liefert europaweit. Wie groß ist Euer Team inzwischen, wie viel macht Ihr noch selbst und inwiefern arbeitet Ihr als Verlag nicht nur inhaltlich, sondern auch personell sorgsam?  

Milena: Wir haben uns bei der Sortimenterweiterung viel Zeit gelassen, zwei Jahre gab es nur Ein guter Plan. Erst jetzt haben wir die Strukturen und das Fachwissen, 2 bis 3 neue Produkte pro Jahr zu veröffentlichen. Wir sind sechs festangestellte Mitarbeiter*innen und einige Honorarkräfte. Aufgaben wie Marketing-, Satz, Korrektorat, Buchhaltung und Projektmanagement haben wir an unserer Mitarbeiter*innen übertragen. Bis Anfang des Jahres 2018 machten Jan und ich noch alles Kreative und Inhaltliche selbst, mit meiner Schwangerschaft, hab ich aber auch da runtergeschraubt. Gesundheit first. Das gilt dann auch für’s Team. Wer krank ist, darf nicht ins Büro kommen. Es wird nicht nur nicht gern gesehen, dieses typische Büro-Ding “sich krank ins Büro schleppen um zu zeigen wie krank man ist”, es ist wirklich verboten. Man könnte Kolleg*innen anstecken. Sollte irgendwas wirklich Verheerendes sein, könnte man zur Not immer noch eine Mail von Zuhause senden. Alle Mitarbeiter*innen haben die Möglichkeit des Homeoffice zu den Zeiten, die ihnen passen.

Jan: Als Grafikdesigner habe ich großen Spaß an Gestaltung, deswegen designe ich unsere Bücher nach wie vor selbst. Auch alle Inhalte schreiben wir, bis auf wenige Ausnahmen, selber.

Milena: Wir haben gemerkt, dass wir einfach kein Autor*innenverlag sind, da wir so gar nicht denken und arbeiten. Wir haben selber sooo viele Ideen und wollen diese dann schnell ausleben. Das haben Jan und ich gemeinsam: Wir wollen Dinge sofort ausprobieren und von der 1. Idee bis zur Einpflegung der Produkte in unseren Shop vergehen manchmal nur wenige Tage.

Jan: Wir achten dabei auf achtsame Arbeitsbedingungen, da wir wissen, wie schädlich sich Stress auf die mentale Gesundheit auswirkt. Wir vermeiden harte Deadlines, auch wenn wir mit Freien arbeiten, jeder kann im Homeoffice arbeiten, wann er will. Und wir wissen, dass Kreativität bei Mitarbeiter*innen nur entstehen kann, wenn Fehler gemacht werden dürfen. Da wir immer noch neu in der Branche sind machen wir natürlich viele Fehler und das ist gut so und muss auch unseren Mitarbeiter*innen gestattet sein. “Du musst dir öfter mal frei nehmen” und “Du musst Aufgaben, die dir nicht liegen, an andere abgeben” ist die einzige Kritik, die wir überhaupt äußern. Das würde ich mir auch von anderen Unternehmer*innen wünschen. Wer glaubt, dass man Kreativität in Mitarbeiter*innen weckt, indem man sie in Konferenzräume sperrt und mit Flipchart-Markern beschmeisst, hat Ideenfindungsprozesse nicht verstanden. Gestresste Mitarbeiter*innen können vielleicht kurzfristig viel abarbeiten, aber fühlen sich schnell nicht mehr wohl. Was ich sogar in nachhaltigen Unternehmen an Führungsstilen mitbekomme, ist erschreckend.

Kleine und junge Verlage arbeiten häufig schneller und flexibler, haben dafür finanzielle Nachteile gegenüber den größeren Unternehmen – in welchen Bereichen seid Ihr besonders gut und wo noch ausbaufähig, wie können Euch Leser_Innen, Autor_Innen und/oder Buchhandel noch unterstützen?

Jan: Unsere Kund*innen haben inzwischen so viel Vertrauen in uns, dass sie kein Problem damit haben, ein Buch vorzubestellen, bevor sie die genauen Inhalte kennen. Das gibt uns als Verlag enorm großen Spielraum für neue Ideen und ist wie Crowdfunding in klein. Bisher ist also noch keine Idee an mangelndem Kapital gescheitert, deswegen sehen wir uns bei dem Thema nicht so im Nachteil zu etablierten Verlagen. Wir wollen auch einfach nicht am laufenden Band neue Bücher entwickeln um dann nachher zu gucken, was ankommt. Wir stehen in regem Austausch mit unseren Nutzer*innen und können anfühlen, ob ein Produkt erwünscht ist, bevor wir es drucken.

Milena: Das hat nur den Nachteil, dass große Buchhandlungen oder Verlagsvertertungen nicht mit uns arbeiten, weil sie ständig Neuerscheinungen sehen möchten. Das können und möchten wir nicht bedienen. In jedem Buch steckt viel Liebe und Zeit, deswegen unterwerfen wir uns da nicht den Marktregeln.


Jan:
Ich kann diese Regeln sowieso nicht nachvollziehen. Wir verkaufen zigtausende Bücher, Ein guter Plan ist ständig vergriffen und wird dann für weit über 100€ auf eBay gehandelt, aber Verlagsvertretungen möchten nicht mit uns arbeiten und große Buchhandelsketten wollen nicht mal mit uns reden, weil wir nur 2-3 Bücher im Jahr veröffentlichen. Ich glaube einfach nicht, dass Kund*innen irgendwie interessiert, wie viele Neuerscheinungen es von uns gibt. Ein guter Plan ist der absolute Bestseller in seiner Sparte, der Buchhandel zwingt die Verbraucher*innen so ja, das Geld Amazon zu geben. Wir würden gerne viel mehr im lokalen Buchhandel vertreten sein. Umso mehr freuen wir uns, dass viele kleine Buchhandlungen inzwischen regelmäßig bei uns Ware ordern. In manchen Buchhandlungen nehmen wir konstant alle Premiumflächen ein und das macht uns sehr stolz. Dass wir bei „den Großen“ dann nicht mal mit einem Exemplar im Regal stehen, fühlt sich einfach falsch an.

Milena: Andererseits freut es mich dann, dass „die Großen“ so einen Trend verpassen und Kund*innen eben zu den kleinen Buchhandlungen gehen müssen und so vielleicht eher mal in der Kiezbuchhandlung was vorbestellen und nicht im Einkaufszentrum. So wie unsere Arbeitsbedingungen sind auch unsere Produktionsbedingungen: entschleunigt und nachhaltig. Wir drucken nur in Deutschland, vermeiden jede Art von Plastik und haben bisher noch kein einziges Buch zu viel produziert. Wir sind stolz darauf, dass bei uns noch kein einziges Exemplar im Müll gelandet ist.

Gerade weil der Vertrieb in lokalen Buchhandlungen und/oder Ketten erst über lange Zeit        aufgebaut werden muss, seid Ihr online so erfolgreich. Wie erreicht Ihr Eure Leser_Innen im E-Commerce Geschäft und was könnten andere Verlage aus Eurer Sicht hier noch lernen bzw. verbessern?

Jan: Dass wir von Anfang an mit unseren Nutzer*innen in regem Austausch stehen, war schon allein für das Crowdfunding Pflicht, sonst funktioniert so eine Kampagne nicht. Wir haben schnell gesehen, wie wertvoll der Input von den Menschen ist, die unsere Produkte täglich nutzen. Diesen Austausch haben wir dann auch auf unseren Social Media-Kanälen aufrecht erhalten, eine eigene Nutzer*innen-Gruppe gegründet und auch in unseren Büchern rufen wir immer auf, uns E-Mails mit Feedback zu schicken. Zusätzlich machen wir mindestens einmal im Jahr eine große Umfrage, was den Leuten an den Büchern gefällt und was sie sich noch wünschen. Dabei geht es nicht darum, jeden Wunsch zu erfüllen, aber man merkt schnell Tendenzen, was den Menschen fehlt. Nach unserem Projektmanager haben wir deswegen als Zweites jemanden eingestellt, der sich nur um die Beantwortung von Fragen auf unseren Kanälen widmet. Wenn ich mir bei großen Verlagen die Social-Media-Kanäle angucke, fällt mir immer wieder auf, dass dort Anfragen monatelang unbeantwortet bleiben. Das sehen auch Menschen, die keine Fragen haben, aber dadurch wissen, dass Ihnen zumindest auf diesen Kanälen keine Hilfestellung gegeben wird.

Milena: Wir haben auch sehr früh erkannt, dass die Interaktionsrate auf Facebook immer weiter abnimmt und haben deswegen den Fokus auf Instagram gelegt. Dass man sich Facebook inzwischen auch schenken kann, verblüfft etablierte Verleger*innen oft, da sie es jetzt, wenn überhaupt, erst hinbekommen dort passende Inhalte zu platzieren. Aber auch das ist eher die Ausnahme, oft werden einfach nur Pressemitteilungen gepostet. Wir haben mehr Follower als die meisten großen Verlage, obwohl es uns erst seit drei Jahren gibt und wir eine Nische bedienen und gar nicht so viel neuen Content haben. Die Interaktion mit den Kund*innen müssen viele Große erst noch lernen, aber unser Eindruck ist, dass sie das gar nicht möchten und Social Media immer noch so ein neumodische Internet-Phänomen ist, dass man einfach haben sollte.

Jan: Herzstück unserer Kommunikation sind unsere Newsletter. Wir haben Öffnungsraten von über 50%, Standard in der Branche sind eher 5%. Wir liefern dort sinnvolle Inhalte und erwähnen unsere Bücher wenn überhaupt eher nebenbei. Wir beurteilen die Newsletter nicht nach Conversion, sondern wie oft sich Menschen mit unseren Inhalten beschäftigen. Das ist langfristig auch ökonomisch sinnvoller. Ich habe ein paar Newsletter großer Verlage abonniert, da bekomme ich immer nur Werbung, niemals Inhalte. Ich glaube da könnten die Verlage mal ihre Sichtweise ändern und generell nicht jedes neue Tool mit dem Mindset betrachten, wie sie dort sofort möglichst hohe Umsätze generieren. Das Angebot der Verlage wird immer austauschbarer, deswegen kann man eine echte Kundenbindung über viele Jahre nur noch mit guten Inhalten und viel Respekt für die Nutzer*innen erzielen. Klappentexte mit Kauf-Link per E-Mail zu versenden ist so ziemlich das Gegenteil davon.

Eure Produkte gibt es selbst aber nicht in digitalisierter Form – weshalb nicht?  

Jan: Das passt bei uns nicht zur Markenstrategie. Wir stehen für Entschleunigung, da muss es nicht alles digital geben. Unsere Bücher leben vom Design, dem Papier, dem Leinen, das lässt sich nicht auf Ebooks übertragen. Wir sehen das Digitale aber nicht kritisch, wollen digitale Inhalte aber dementsprechend aufarbeiten. Dass es unsere Bücher als App oder Onlinekurs geben wird ist viel wahrscheinlicher, als dass wir einfach PDFs verkaufen. Das macht bei Ausfüllbüchern wie den unseren eh nicht so viel Sinn. Aber den perfekten Weg für uns haben wir da noch nicht gefunden. Der Fokus ist jetzt erst mal das gedruckte Buch.

Können sich Autor_Innen bei Euch mit Projektideen bewerben?  

Jan: Nein. Wir haben versucht mit Autor*innen zu arbeiten, das passt nicht zu uns. Die Titel, die wir gern im Sortiment hätten können wir selber entwickeln, wir arbeiten in unserem eigenen Tempo und holen uns ungern Freigaben, wie wir was machen. Ausnahme ist gerade Ein guter Plan Family, dafür sind wir eine Kooperation mit der Autorin Susanne Mierau eingegangen. Sie ist eine gute Freundin von uns und wir sind bei allen Themen der selben Meinung. So funktioniert das für uns gut.

Milena: Wir setzen gerne eigene Ideen um und vermarkten unsere Bücher so wie wir Lust haben, auch wenn die Ideen schon mal außergewöhnlich sind. Da möchten wir uns nicht mit anderen Menschen absprechen müssen. Wir sind beide vom Charakter keine Dienstleister, andere Autor*innen glücklich machen motiviert uns erst mal wenig.

Welche Ziele wollt Ihr in diesem Jahr noch erreichen, was steht für die nächsten drei Jahre auf dem Verlagsbusinessplan?


Jan: Wir haben keine großen Ziele und sind derzeit sehr zufrieden mit unserer Situation. Das Sortiment langsam erweitern, und ab und zu neue Dinge ausprobieren, das reicht uns. Wir wollen weiterhin viel Liebe in jedes Buch stecken und das dauert eben. Wir müssen nicht um jeden Preis wachsen. Ein niedriges Stresslevel ist wertvoller als ein riesiges Sortiment. Wir machen gerade aber die ersten Schritt Richtung eHealth und Onlinekurse, da sehen wir viel Potential, das jetzige Angebot ist sehr schwach.

Milena: Das einzige richtige Ziel, dass wir haben ist es Ein guter Plan weiterhin wirklich als Standardwerk zu positionieren, dass in jeder Buchhandlung steht. Bisher haben wir große Wachstumsraten im lokalen Buchhandel, jetzt fehlen nur noch die großen Händler*innen.

Für Eure eigenen Bücher habt Ihr Euch aber gegen Selfpublishing mit „Ein guter Verlag“         entschieden – Milena veröffentlichte ihr „Ohne Wenn und Abfall“ im Verlag Kiepenheuer & Witsch, Holtzbrinck Gruppe. Weshalb und was hast Du aus dieser Kooperation für Eure eigene Verlagsarbeit gelernt?

Milena: Das hatte mehrere Gründe:

Zum einen ist “Ohne Wenn und Abfall” eine ganz andere Art von Buch als das, was wir bei Ein guter Verlag machen. Es erzählt meine Gründeringeschichte, wie Original Unverpackt entstand sowie wie man ökologisch “Zero Waste” leben kann. Ich hatte ein ungefähre Idee für das Buch, aber erst die Literaturagentur “Eggers” half mir das in Form in ein Exposé zu bringen und suchte dann passende Verlage für mich. Kiepenheuer & Witsch hatte Lust drauf und da ich großer KiWi-Fan bin, einfach sooo viele ihrer Bücher schon hatte, wollte ich die Chance nutzen, mit ihnen zu arbeiten. Ein Buch im KiWi Verlag heraus zu bringen, hat nicht nur mehr Prestige, sondern vor allem Reichweite und die ist mir bei dem Thema einfach sehr wichtig.

Zum anderen wollte ich sehen wie ein großer etablierter Verlag arbeitet. Jan und ich haben nie in einem Verlag auch nur ein Praktikum gemacht und das war und ist manchmal immer noch eine neue Welt für uns. Ich durfte bei KiWi mit allen Bereichen zu einem Zeitpunkt zusammenarbeiten und so einen kleinen Einblick darin erhalten, wie ein Verlag mit langer Geschichte professionell arbeitet. Durch die Zusammenarbeit sah ich, dass wir viele Dinge und Prozesse intuitiv richtig gemacht haben und manche sogar effizienter gestaltet haben. Unsere Inhalte erstellen wir z.B. in einem Google Drive, so dass man sich nicht die Version “Manuskript_180825_version5-2.doc” hin und her senden muss.

Der dritte Grund war ein praktischer: Ich habe zwei Firmen, die ich leite, das Buch zu schreiben war schon sehr viel Arbeit – es zu publizieren, dafür hätte auch mein Tag nicht mehr ausgereicht. Ich hatte von meinen und  den Original Unverpackt Follower*innen oft die Bitte nach einer englischen Version erhalten. Da kein ausländischer Verlag bisher Interesse hatte, werde ich es jetzt Anfang 2019 einfach crowdfunden auf Kickstarter und selber herausbringen, wenn genug Interesse besteht.

Die Literaturbranche steht immer öfter in der Kritik, die Leser_Innen würden zu Netflix abwandern,   Buchhandlungen müssen schließen. Wie seht Ihr das mit dem hoffentlich noch motivierten Blick der jungen Verleger – wo würdet Ihr ansetzen, um wieder mehr Menschen für Literatur und das Produkt Buch zu begeistern?   

  
Jan: Wir sind als Quereinsteiger*innen in die Branche gekommen und hatten von Anfang an großen Erfolg. Wenn man vom ersten Buch 100.000 Exemplare verkauft, ohne Branchenerfahrung oder Distribution über den lokalen Buchhandel, geht man an das Thema nicht mit dem Gedanken heran, dass Menschen keine Lust mehr auf Bücher haben. Auf den großen Pessimismus der Branche wurden wir erst später aufmerksam. Die Generation unserer Eltern verliert die Buchbranche nicht an Netflix, das Problem ist eher die jüngere Generation. Netflix spricht die Sprache dieser Menschen und liefert die relevanten Inhalte. Das ist für den Erfolg verantwortlich, nicht das Medium an sich. Wie altmodisch Verlage oft junge Menschen ansprechen, wie furchtbar viele Cover gestaltet sind bzw. wie niedrig die Qualität vom Grafikdesign in gerade dieser Branche ist (das Cover auf einem Rechteck platzieren und einen Schlagschatten dahinter legen, so wie es viele Verlage tun, ist nichtwie man Bücher ideal darstellt), wie hilflos Social Media-Kanäle genutzt werden, wie schlecht die Newsletter sind, so kann man nicht gegen Netflix ankommen. Ich sehe so gut wie nie Werbung für Bücher auf Youtube, es gibt kaum richtige Werbekampagnen auf Instagram, es gibt wenige Marketingaktionen für Bücher. Dabei funktioniert das alles sehr gut auch für Bücher.

Autor*innen mal eine Lesereise durch ein paar Buchhandlungen und Bars zu organisieren, kann doch nicht das komplette Marketingkonzept sein, mit dem man junge Menschen von Netflix fernhält. Wo ist das Funnel-Marketing, die Online-Innhalte, die Gratisdownloads, die Partys, die Influencer*innen, die Guerilla-Aktionen? Neulich haben wir einen Blogbeitrag über das Verlassen vom Hamsterrad veröffentlicht, dazu haben wir ein riesiges Hamsterrad gebaut und angezündet. Für eine Buchveröffentlichung zum Thema Neustart haben wir eine riesige Silvesterparty mitten im April geschmissen, unsere neue Kampagne behandelt das Thema mentale Gesundheit, dazu starten wir eine politische Aktion um einen Feiertag in Berlin für mentale Gesundheit einzuführen. Damit erreichen wir Menschen emotional. Nicht indem wir eine Pressemitteilung automatisiert auf allen Social-Media-Kanälen gleichzeitig posten. Daran ist auch die Masse der Titel Schuld, die Verlage aus Panik veröffentlichen.

Manchmal habe ich den Eindruck, dass die Verlage müde geworden sind und gar keine Lust haben, ihre Bücher öffentlich zu feiern. Ich habe mir gerade mal die Instagram-Seiten der größten Verlage angeschaut. Von 50 Verlagen hatten nur vier eine Story. Alle vier waren die Cover von Neuerscheinungen. Ohne Inhalt, Engagement, Kampagnenkonzept. Netflix Deutschland hat allein sieben Stories, alle mit Mitmach-Faktor. Das sagt eigentlich alles. Da kann mir keiner erzählen, dass die Verlage nur an Netflix leiden weil junge Menschen lieber fernsehen. Und zu wissen dass Instagram-Stories gerade eines der dankbarsten Formate für Werbung sind, sollte wirklich allen Verlagen klar sein.

Aktuell ist  Achtsamkeit ein Schlagwort, der Trend wandert einmal durch die   Konsumwirtschaft. Was ist, wenn in zwei Jahren alles wieder vorbei ist?


Jan: Da muss man zwischen Mode und Trend unterscheiden. Eine Mode impliziert, dass es bald vorbei ist. Ein Trend kann sich auch verfestigen. Solange die Welt wegen der Digitalisierung immer schneller wird und wir alle immer größere Aufgabenbereiche abdecken müssen, steigt auch das Stresslevel. Solange wird Achtsamkeit und Entschleunigung ein Thema sein. Wir werden uns wundern, wie sehr wir unter den neuen Arbeitsbedingungen erst noch leiden werden. Solange Rendite für Aktionär*innen weiterhin wichtiger ist als nachhaltiges Wachstum, wird der Druck auf Angestellte erhöht und mentale Probleme sich eher ausbreiten. Da sehe ich leider keine Wende.

Gesellschaftlich stellt die Achtsamkeitsbewegung also einen politisch wichtigen Gegenentwurf dar. Deswegen sehen wir das Thema nicht im Bereich Selbsthilfe oder Wellness, sondern als knallharte, politische Verweigerung. Der Schlagbegriff Achtsamkeit selbst wird sich natürlich abnutzen, schon jetzt winken Journalist*innen bei dem Thema ab. Das Thema mentale Gesundheit wird uns aber noch lange beschäftigen. Mir wäre es lieber, dass unsere Bücher überflüssig werden und alle Menschen maximal entspannt nach ihren Bedürfnissen leben. Aber ich denke, dass wir noch viele Jahre sinnvolle Hilfestellung geben können. Das Thema wird besonders von spirituellen Autor*innen besetzt, was ich gefährlich finde. Das Thema mentale Gesundheit praxisbezogen, wissenschaftlich und auch selbstkritisch anzugehen schaffen nur wenige. Wir dürfen selbsternannten Gurus aber nicht das Feld überlassen und müssen das Thema aus der Esoterik-Ecke holen.

Was sind Eure drei Lieblingsempfehlungen für mehr Achtsamkeit im Lebensalltag, was         funktioniert in Eurem Leben jeweils am erfolgreichsten?           

Jan: Ich bin kein großer Fan von einzelnen Tipps, man muss das Thema mentale Gesundheit ganzheitlich sehen. Man muss einen großen Schritt zurück machen und das eigene Leben schonungslos auf schädliche Denk- und Verhaltensmuster abklopfen. Probleme lassen sich nicht wegatmen oder wegmeditieren, auch wenn Atem- und Meditationsübungen natürlich hilfreiche Techniken gegen Stress sind. Die eigenen Bedürfnisse definieren und die eigenen Ziele hinterfragen ist sinnvoller.
Für mich persönlich aber weiß ich, dass es mir gut geht, wenn ich mein Sportprogramm regelmäßig absolviere, gerade wenn ich eigentlich keine Zeit habe, genug schlafe und darauf achte genug unter Menschen zu kommen. Daran muss ich mich immer wieder bewusst erinnern. Aber das ist bei jedem individuell. Wenn man das für sich nicht definiert hat, helfen solche Tipps wenig. Da muss man auch die eigenen Privilegien beachten. Es würde jedem gut tun, jeden Tag eine Stunde in der Natur zu sein, immer acht Stunden Schlaf zu bekommen und sich regelmäßig zu bewegen. Aber solche Tipps Menschen mit Familie, Menschen mit Depression oder Menschen, die gerade ihre Abschlussarbeit schreiben, zu geben ist fast zynisch und erzeugt eher Druck, als dass es hilft.

Milena: Das sehe ich ähnlich wie Jan, allerdings gibt es drei Tipps, die grundsätzlich nicht verkehrt sein können:

  • Lernen auf den Körper und seine Bedürfnisse zu hören und dann auch konkret daraus was ziehen: Pausen, Mittagsschläfchen machen etc. Das klingt so einfach, aber erst in meinem Burnout damals merkte ich, dass ich 25 Jahre lang nicht auf die Zeichen und Bedürfnisse meine Körpers hörte bis er in den Streik trat.
  • Sich die Zeit nehmen gesund zu Essen. Also nicht mal eben was unterwegs einen fertigen Salat im Plastik holen, sondern die einzelnen Zutaten kaufen und ihn sich zubereiten. Ist eh preiswerter und gesünder.
  • Dankbarkeitsübungen. Die sind richtig klischeehaft, aber sie funktionieren. Wie kleine Gebete zähle ich einmal am Tag auf für das was ich wirklich dankbar bin. Das entspannt und lässt mich in Relation sehen was wirklich wichtig ist: meine kleine Familie, unsere Gesundheit und Sicherheit.

 


 


Informationen zu „Ein guter Plan“:  ca. 22,90 Euro / diverse Versionen & Farben

Verlag + Amazon + Ocelot Berlin + Buchhandel.de + Reuffel

  • Ganzheitlicher Terminkalender datiert für 2019
  • 25 Techniken für mehr Zufriedenheit und weniger Stress
  • Innovative Achtsamkeits-Ampel: erkenne Stressmuster
  • 53 Tipps für mehr Achtsamkeit und Selbstliebe
  • Monatliche Reflexion und Zielsetzung
  • Einband aus französischem Leinen
  • Edle Goldprägung
  • 90g/m²-Papier in Cremeweiß
  • 240 Seiten | 14 x 22cm | 480 g
  • Mit Broschüre zur Projektplanung
  • Zwei Lesebändchen in Gold und Schwarz
  • Ausgezeichnet mit dem Red Dot 2017
  • In Deutschland gedruckt und gebunden

 

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