Buchtipps „Die Seitenspringer“ – Livetour Herbst 2019

Die Seitenspringer Live - Buchtipps 2019

Nach einem halben Dutzend Auftritten in Herne (Literaturhaus – Bilderalbum) sowie Kiel, Hannover, Würzburg, Erfurt und Leipzig (Hugendubel) gehen „Die Seitenspringer“ nun dem Bücherherbst entgegen. Zeit, um die zehn von Karla Paul in der Literaturshow präsentierten Buchtipps auch online kurz vorzustellen!

Weitere Termine mit frischem Lesestoff gibt es dann am 27.09. in Köln auf der Crime Cologne sowie am 21.11. in Berlin zur Langen Nacht des Lesens bei Hugendubel!


Madeline Miller „Ich bin Circe“ (Eisele Verlag)

Übersetzung: Frauke Brodd

Circe ist Tochter des mächtigen Sonnengotts Helios und der Nymphe Perse, doch von Anfang an ist klar: sie ist ganz anders als ihre göttlichen Geschwister. Ihre Stimme klingt wie die einer Sterblichen, sie hat einen schwierigen Charakter und ein unabhängiges Temperament; sie ist empfänglich für das Leid der Menschen und fühlt sich in deren Gesellschaft wohler als bei den Göttern. Wegen ihrer Aufsässigkeit und der Weigerung, sich ihrem Stand entsprechend zu benehmen wird sie auf eine einsame Insel verbannt. Sie studiert die Magie der Pflanzen, lernt wilde Tiere zu zähmen und wird zu einer mächtigen Zauberin. Sie lernt und liebt mit uns und wächst. Wir begleiten sie durch manches Abenteuer mit dem Minotaurus, HermesDaidalos, der Medea und vielen mehr, die uns aus der klassischen Odyssee bereits bekannt sind.

Madeline Miller erzählt diese Geschichte auf Basis der ursprünglichen Sage, packend, feministisch auf hohem historischem Niveau! Vergessen Sie Ken Follett, lesen Sie bitte ab jetzt Madeline Miller!


Gianrico Carofiglio „Drei Uhr morgens“ (Folio Verlag) 

Übersetzung: Verena von Koskull

Zwei Tage lang darf Antonio, der Sohn, 17, für einen neurologischen Test nicht schlafen und so zieht sein Vater 50, mit ihm los, beide wandern gemeinsam durch Marseille. Der junge Mann hat noch alles vor sich, die eigenen Kämpfe, das Streben – für den Vater hingegen ist schon viel vorbei, alles kompliziert geworden und er ein bisschen kraftlos.

Sie spazieren durch die Stadt, sie gehen in Bars, sie trinken Kaffee und fahren ans Meer. Mit jeder vergangenen Stunde kommen sie sich näher. Die Zeit und die außergewöhnlichen Umstände brechen alle gesellschaftlichen und generationsbedingten Schutzschichten auf und ermöglichen es, dass sich zwei Menschen ehrlich begegnen ..

Gianrico Carofiglio war bisher für preisgekrönte Krimis bekannt, auch in diesem Roman wartet man beständig auf eine schlimme Nachricht, so spannend beschreibt er das Verhältnis zwischen dem jungen und dem älteren Mann. Sie erinnern uns an all die Momente, in denen wir jemandem so nah sein durften und an all die Momente, in denen dies eine Sehnsucht blieb. Dem Autor gelingt es, das sonst meist unfassbare Zwischenmenschliche zu beschreiben, sowie nach dem Lesen eine sehr warme Hoffnung zu hinterlassen und den Wunsch, nun zu sagen, zu tun, zu lieben was vorher durch Alltäglichkeiten verhindert war.


Ane Riel “Harz” (btb Verlag)

Übersetzung: Julia Gschwilm

Liv erzählt ihre Geschichte und die ihrer Familie auf einem Hof auf einer Halbinsel Dänemarks. Sie erzählt davon, wie die vermeindliche Idylle sowie die Liebe und das Schutzbedürfnis ihres Vaters für sie zum kaum auszuhaltenden Alltag wird.

Die Autorin Ane Riel wurde für „Harz“ mehrfach ausgezeichnet, verdient. Ihr Thriller baut durch mehrere Perspektiven und vor allen Dingen die kindliche und ohne Schuldbedürfnisse belastete Sicht des Hauptcharakters Liv eine teilweise schwer erträgliche Spannung und Atmosphäre auf. Von Anfang an ist klar, dass die Entwicklungen und Beziehungen, die über die Generationen auf der Insel in völliger Zurückgezogenheit entstehen, einen tödlichen Ausgang haben werden. Nur wer wirklich welche Schuld trägt, das muss bis zum Schluss die Leser*In entscheiden. Ein über 300 Seiten sehr klug und abwechslungsreich aufgebauter Psychothriller, der nicht nur unter die Haut, sondern direkt ins Herz geht. Und weshalb er den Titel „Harz“ trägt, das erlesen Sie sich am besten selbst!


Simone Lappert “Der Sprung” (Diogenes)

Da steht eine Frau auf einem Dach und sie geht den finalen Schritt in die Tiefe. Sie springt. Aber wie konnte es dazu kommen? Um uns dem anzunähern, müssen wir ein bisschen zurückgehen und erst einige Menschen kennenlernen, die an den folgenden Entwicklungen eine Mitschuld tragen: Felix, den Polizisten, Maren kurz vor der Trennung, den Hutmacher Egon und viele mehr – insgesamt elf Menschen treffen über die kommenden Tage Entscheidungen, die ineinandergreifen und im Kleinen wie im Großen das Miteinander bestimmen.

Durch die abwechselnde Erzählung, dass mit jedem Kapitel ein neuer Charakter beginnt und wir immer wieder hin- und herspringen, bleibt es spannend, aber ebenso herausfordernd. Simone Lappert mischt die Skurrilität von Mariana Leky mit der Erzählweise von Daniela Krien und springt selbst unterhaltsam und schnell zwischen den Figuren. Die Autorin beschreibt gut, wie nahezu jede äußere und innere Handlung sowie menschliche Verbindung eine Auswirkung für die Gesellschaft hat. Wer aber denkt, sie zu durchschauen und das Ende vorhersehen zu können, wird getäuscht – dann ist nämlich auf einmal doch alles ganz anders!


Benoît Groult “Vom Fischen und von der Liebe” (Ullstein Verlag)

Übersetzung: Patricia Klobusiczky 

„Salz auf unserer Haut“ – ein Weltbestseller vor 30 Jahren, allein in Deutschland hat er sich mehr als drei Millionen Mal verkauft. Die Geschichte einer Affäre mit einem bretonischen Fischer war ihre. Benoîte Groult starb vor drei Jahren im Alter von 96 Jahren – jetzt erscheint ein Teil ihrer Tagebücher über das Fischen und den Feminismus. Über 25 Jahre fuhr sie mit ihrem Ehemann Paul an die bretonische Küste. Sie schreibt dort über das Altern und die persönliche Entwicklung damit umzugehen sowie über die Liebe – und man erfährt, dass der damalige Fischer gar ein amerikanischer Pilot namens Kurt war.

Man steht mit ihr früh morgens an dieser rauen See, Tag für Tag, Jahr für Jahr, man kämpft mit ihr die Reusen aus dem Wasser, man denkt mit ihr über das große Glück und die große Qual des Älterwerdens nach. Es ist ebenso Spannung wie Genuß, an ihren Gedanken Teil haben zu dürfen und vielleicht sogar ein bisschen daraus zu lernen.


Karin Kalisa “Radio Activity” (C.H. Beck Verlag)

Drei Hörfunkenthusiast*innen bewerben sich um eine freie Frequenz, und schon bald feiert 100.7 große Erfolge, was nicht zuletzt an Nora Tewes liegt, die als Holly Gomighty die Moderatorin gibt und mit einer perfekten Radiostimme gesegnet ist. Wer immer ihren Sender einschaltet, wird von ihr mitgenommen, begeistert, emotionalisiert.

Eigentlich ist Nora aber aus New York in ihre norddeutsche Heimatstadt zurückgekehrt, um Abschied von ihrer im Sterben liegenden Mutter zu nehmen. Kurz vor deren Tod offenbart sie der Tochter, dass sie als junges Mädchen von ihrem Nachhilfelehrer missbraucht wurde. Nora spürt den inzwischen 90-jährigen Täter auf, doch wird ihre Anzeige abgelehnt: Die Straftat ist verjährt. Gemeinsam mit dem Rechtsreferendar Simon schmiedet sie den Plan, den Radiosender zu nutzen, um das Gesetz selbst in die Hand zu nehmen.

Sehr schnell, emotional und persönlich erzählt Karin Kalisa ihren zweiten Roman und dieser ist nicht nur aufgrund des diskussionswürdigen Themas, sondern auch wegen der stilistisch besonderen Umsetzung so lesenswert!


Fabio Genovesi “Wo man im Meer nicht mehr stehen kann” (C. Bertelsmann)

Übersetzung: Mirjam Bitter

Fabio wächst Anfang der Achtziger Jahre in einem kleinen Ort in der Toskana auf. Es ist eine Kindheit, wie wir sie uns eigentlich alle wünschen – inmitten von einer großen, liebenden und leicht bis stark verrückten italienischen Familie, am Meer, ohne digitale Forderungen oder Möglichkeiten.

Bis Fabios Vater einen Unfall hat und im Koma liegt. Er wird nach dem Aufwachen nicht mehr so richtig wissen, wer er ist, wo er ist und was man mit einem Körper auf einer für ihn fremden Welt so alles machen kann. Also macht der inzwischen 12-jährige Sohn sich das zur Aufgabe und liest dem Vater im Krankenhaus alle Bücher vor, die er nur finden kann und erklärt ihm damit die Welt. Und als dies nicht mehr reicht, erfindet und erzählt er selbst Geschichten davon, wie er das Leben sieht.

Fabio Genovesi hat seine eigene Familiengeschichte geschrieben und erzählt unterhaltsam und einnehmend von einem kleinen, aufrichten Jungen und seiner total durchgeknallten Familie und ihrem unabänderlichen Zusammenhalt. Eine Geschichte, die selbst voller Geschichten steckt und jede davon ist ebenso lesens- wie liebenswert! Der perfekte Roman zum Ablenken und Auffangen!


Achim Zons “Beim Schrei des Falken” (C.H. Beck)

Der deutsche Journalist David Jakubowicz wird in Damaskus Zeuge eines Attentats auf den Führer der demokratischen syrischen Opposition. Dabei lernt er einige mutige Männer kennen, die gute Gründe haben, den Diktator Assad und seine Helfershelfer töten zu wollen. Wir erfahren davon, weil er von Tilda Hansson, der Chefin der Anti-Terror-Abteilung des deutschen Geheimdienstes, verhört wird.

Hier wird klar, dass Jakubowicz irgendwie in das Komplott verwickelt sein muss und ihm mit normalen Methoden nicht beizukommen ist. Wird es gelingen den Mord auf den Diktator zu verhindern? Ein sehr kurzweiliger Spionagethriller, komplex und ohne Klischees erzählt mit einem vielseitigen Helden und aktuellem politischen Bezug – und: einem kleinen Hund, der auch eine nicht unwesentliche Rolle spielt!

Was Achim Zons als Journalist nicht erzählen konnte, hat er hier reingepackt, spannend und abwechslungsreich aufbereitet und einen Tick zu realistisch – definitiv lesenswert!


Anika Decker “Wir von der anderen Seite” (Ullstein Verlag)

Die 35jährige Rahel erleidet eine Sepsis, multiples Organversagen und dies führt zum Koma. Als sie wieder aufwacht ist alles gleich und alles anders. Sie kämpft sich in einem langen Genesungsprozess zurück ins Leben und das ist weit unromantischer als in den Filmen, zu denen sie normalerweise das Drehbuch schreibt – aber ihre Familie steht ihr bei. Trotzdem ist klar: diese zweite Chance will sie nicht vergeben, also gilt der Kampf nicht nur der Wiedererlangung ihres alten Lebens sondern gleichzeitig auch dem Aufbau eines neuen.

Anika Decker schreibt hier ihre eigene Geschichte auf, auch sie ist Drehbuchautorin, auch sie lag im Koma und war über viele Monate schwer krank. Wir kennen sie von den Filmen „Keinohrhasen“ und „Zweiohrküken“. Ebenso traurig wie sehr lustig und natürlich moralisch erzählt sie uns von der anderen Seite und davon, dass wir vielleicht nicht immer auf das morgen warten sollten. Und was das Eichhörnchen jetzt damit zu tun hat? Selber lesen, es lohnt sich!


Kopano Matlwa: „Du musst verrückt sein, wenn Du trotzdem glücklich bist“ (btb Verlag) 

Übersetzung: Tanja Handels

Die südafrikanische Schriftstellerin wird uns auf den kommenden Seiten viel abverlangen. Aber sie schreibt über die Realität und wenn sei sie erträgt, gehen wir mit. Masechaba arbeitet als Ärztin in einem öffentlichen Krankenhaus in Johannesburg und erzählt mithilfe ihrer Tagebucheinträge aus ihrem Leben. Und das ist ebenso prekär wie mörderisch – wie das öffentliche Gesundheitssystem ihres Landes.

Doch ihre Heldin muss sich nicht nur gegen widrige Umstände, sondern auch gegen Fremdenfeindlichkeit, Kriminalität und Brutalität gegenüber Frauen behaupten. Was bleibt noch von ihr übrig, wenn sie stets nur mit Kampf, Heilung und Auflese beschäftigt ist? Welchen Preis kann sie weiterhin dafür zahlen, immer nur aufzuräumen, anstatt sich auch um das eigene Glück zu kümmern? Die Autorin zeichnet ein drastisches und erschütterndes Bild der südafrikanischen „Rainbow Nation“ und eine leider sehr lesenswerte emotionale Abrechnung mit dem oft gewalttätigen und gefährlichen Alltag am anderen Ende der Welt.


 

 

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