„Und was hat das mit mir zu tun?“ fragt sich der international tätige Journalist Sacha Batthyany, als ihm die Kollegin einen mit „Gastgeberin aus der Hölle“ betitelten Zeitungsausschnitt über den Massenmord an 180 Juden auf den Schreibtisch legt. Darauf zu sehen ist seine Großtante Margit, eine Erbin der Thyssen-Dynastie, samt befreundeten Oberen des NS-Regimes. Gemeinsam feierten sie auf einem Schloss im österreichischen Rechnitz kurz vor Kriegsende im März 1945 ein rauschendes Fest. Mittendrin kam es in der Nähe zur Anlieferung von fast zweihundert ungarisch-jüdischen Gefangenen. Ein Teil der Festgesellschaft unterbricht die Feierlichkeiten, erschießt den Großteil der Arrestierten und kehrt zur eigentlichen Veranstaltung zurück, während die Toten von ihren restlichen Mithäftlingen begraben werden. Der Zusammenhang der Großtante zum Verbrechen wird den Kindern verschwiegen, die genaue Beteiligung ist bis heute unklar.

Am Tisch sprachen nun alle laut durcheinander: über das Grab, über die Suche. Die Jüngeren stellten Fragen, die Älteren wichen aus.
„Was bringt das alles?“
„Wozu?“
„Was haben wir damit zu tun?“

Kopfschütteln.
Schweigen.
„Will noch jemand Tee?“
Stille.
„Über die Verbrechen an den Juden ist schon genug geschrieben worden“, verteidigte sich der alte Mann …

„Und was hat das mit Dir zu tun?“ fragt der Schriftsteller Maxim Biller Batthyany wenig später – was können die nachfolgenden Generationen für die Taten ihrer Eltern, ihrer Großeltern? Kann grausames Handeln mit der DNA übertragen werden? Sind schwarze Flecken zu finden? Doch so einfach ist es nicht – vieles verschwimmt im Lauf der Zeit oder wird wie in tausenden anderen Familien durch beharrliches Schweigen komplett ausgelöscht. Dabei ist das sogenannte „Massaker von Rechnitz“ nicht die einzige Schuld, die die Familie vor über siebzig Jahren auf sich geladen hat. Sacha Batthyany beginnt nicht nur eine Psychoanalyse, er macht sich zusätzlich aktiv auf die Suche nach dem, was seine Familie über die Jahrzehnte schweigen liess und versucht mithilfe alter Tagebücher alles aufzuklären, er schreibt darüber und beginnt eine literarische Aufarbeitung der eigenen Geschichte. Zudem fährt er mit seinem Vater nach Russland – eine Reise auf den Spuren des Großvaters, der dort zehn Jahre in Kriegsgefangenschaft ums Überleben kämpfte. Jeder spielte seine Rolle in den Weltkriegen, teilweise freiwillig, meist unfreiwillig, entweder waren sie handelnde oder schweigende Täter oder aber Opfer, manchmal auch beides. Die Grenzen sind fließend und schwer zu ziehen. Millionen ermordete Europäer hinterließen ebenso viele traumatisierte Nachkommen.

Agnes Mandel ist eine weitere Hauptdarstellerin im autobiografischen Buch, auch ihre Eltern sterben im Zusammenhang mit den Batthyanys, während sie aufgrund ihrer jüdischen Abstammung nach Ausschwitz kommt. Sie kämpft, allein der Zufall hat über ihr Überleben entschieden, ihre Geschichte gibt den namenlosen Schicksalen ein Gesicht und ihre Nachkommen werden ebens0 bis heute von den Gräueltaten des Dritten Reichs beeinflußt.

Man brachte uns in einen Duschraum. Die Duschen waren so: Manchmal kam Gas, manchmal Wasser.

Diesmal war es Wasser.

Ähnlich wie Jan Philipp Reemtsma in „Wie hätte ich mich verhalten?“ stellt Batthyany die Fragen sich selbst und damit zugleich dem Leser. Er deckt schonungslos ehrlich nicht nur die Geschichte seiner Familie, sondern auch sein eigenes, damit eng verbundenes Gefühlsleben auf.

Sind wir wirklich so sauber, wie wir uns virtuell präsentieren? Wie standhaft sind wir? Wie standhaft bin ich?

Ich schlug mein Notizbuch auf, las das Datum, das ich in der Flughafenhalle vor dem Abflug oben links auf eine neue Seite geschrieben hatte, schrieb den Satz: „Könntest Du das, Juden verstecken?“, und darunter die Antwort –

„Nein.“

Viel wichtiger als die Frage, wie man sich damals verhalten hätte, ist jedoch die nach dem Handeln in der Gegenwart. Stehen wir heute auf – für Menschen und gegen Gewalt? Lernen wir aus der Geschichte und nutzen unsere Möglichkeiten für ein soziales Miteinander? Batthyanys spannende und ebenso abwechslungsreich wie teilweise schon fast unterhaltsam geschriebene Abrechnung kommt gerade zur richtigen Zeit und mahnt an, was heute nicht mehr vorkommen darf. Seine Geschichte ist ebenso die von uns allen, die auf Fragen keine Antworten erhielten und deswegen nicht sehen, dass wir alle den Krieg, die Angst, die Flucht in uns tragen und dies in Frieden, Mut und Toleranz wandeln müssen.

„Was hat das mit mir zu tun?“ Alles.


Über das Buch:

Und was hat das mit mir zu tun?

„Und was hat das mit mir zu tun?“ von Sacha Batthyany

Verlag Kiepenheuer & Witsch / erschienen 18.02.2016

256 Seiten – gebundene Ausgabe (aus als Hörbuch & Ebook erschienen)

Leseprobe

Preis: 19,99 Euro / ISBN: 978-3-462-04831-5

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Über den Autor (Verlagsinformation):

Sacha Batthyany, geboren 1973, studierte Soziologie in Zürich und Madrid, war Redakteur bei der Neuen Zürcher Zeitung und arbeitet seit 2010 beim Magazin des Tages-Anzeigers. Er ist Dozent an der Schweizer Journalistenschule und lebt seit 2015 in Washington, D.C., wo er für den Tages-Anzeiger und die Süddeutsche Zeitung als Korrespondent über Politik und Gesellschaft berichtet.



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