Am Sonntag, 20. März 2016, fand in Leipzig die blogger:sessions Konferenz (Hashtag #bmb16) der Leipziger Buchmesse 2016 statt. Neben diversen Workshops und Podiumsdiskussionen hielt ich die Eröffnungsrede zur Veranstaltung unter dem Titel „Literaturblogs 2016 – raus aus der Flauschzone!“. Ich wurde gebeten, sie nachträglich noch einmal online zu stellen, man kann sie sich aber auch bei Voice Republic jederzeit anhören.


 

 

Liebe Teilnehmer der blogger:sessions 2016, liebes Internet,

Richard Kämmerlings, Leiter des Literaturteils der „Welt“ gab vor kurzem ein Interview im Buchmarkt (das Originalgespräch wurde inzwischen entfernt, ich habe den Link zum Google Cache gesetzt) – es ging um, wie könnte es anders sein, Bücher und das Internet. Er sprach davon, dass die traditionelle Literaturkritik sich bewähren müsste, es ging wie immer um Herausforderungen und Chancen. Sie wüssten das Internet durchaus für das Feuilleton zu nutzen, hätten eine Facebookseite und überhaupt seien die Artikel in den sozialen Netzwerken teilbar und die Blogger natürlich eine Bereicherung für die Buchwelt, aber keine Konkurrenz für die klassische Literaturkritik. Einer von gefühlt drölfzigtausend Artikeln rund um das Thema Feuilleton vs. Internet in den letzten Monaten und im Prinzip ist es ja eigentlich etwas Gutes, wenn wir keine anderen Sorgen haben. Schade nur, dass dem nicht so ist und wir sehen an den aktuellen Verhältnissen, was passiert, wenn wir zulassen, dass die Menschen im Kopf Grenzen und Zäune bauen und dies dann auf die Realität ausweiten, genau hier kann und muss Literatur ansetzen.

Stets wird sehr gönnerhaft über diese paar Blogger gesprochen, die Bücher mit Heißgetränken auf Instagram posten, die für ihre Lektüre Schmetterlingspunkte vergeben, sich gegenseitig via Facebook Blogstöckchen zuwerfen und deren Seiten vor Flausch kaum ladbar sind. Niedlich, dieses herzige kleine Ökosystem Young-Adult-lesender Katzenbesitzer, die ihre Bücher nach Farbe sortieren und zum aktuellen Lieblingsbuch gleich noch den passenden Tee samt Nagellack empfehlen.

Niedlich ist hier einzig und allein die Naivität des Feuilletons samt derer Redakteure, für deren angeblich so wichtige Tradition sich niemand mehr außerhalb ihrer eigenen Welt interessiert – die Literatur ist bereits vor Jahren ins Netz abgewandert und wait, sorry not sorry, sie hat nicht einmal um Erlaubnis gefragt.

In diesem Jahr haben sich knapp 800 Blogger für die Buchmesse Leipzig registriert. Das größte deutschsprache Literaturnetzwerk LovelyBooks verzeichnet monatlich über 1,2 Millionen Leser, die mit über 5.000 Autoren diskutieren. Auf der internationalen Schreibplattform Wattpad tauschen sich Leser in über 50 Sprachen zu über 200 Millionen hochgeladene Stories aus. Zahlen die beeindrucken? Habt Ihr auch solche Zahlen? Warum nicht? Aber darauf komme ich später noch zurück.

Aber sagt mal, diese Millionen von bücherliebenden Menschen, ticken die denn eigentlich alle noch richtig? Überprüft denn niemand deren Qualifikation und kann es denn sein, dass sich nun wirklich jeder dahergelaufene H&M-Käufer zum kulturellen Leitmedium Buch äußern darf? Wo kommen wir denn da hin, im Land der Dichter und Denker, wenn jetzt jeder lesen und schreiben und veröffentlichen und ohne Germanistikstudium sogar noch rezensieren kann?! Und an dieser Stelle: es heißt rezensieren und nicht rezessieren, aber das nur fürs Protokoll.

Ja, wo kommen wir da eigentlich hin. Literatur war früher (und damit meine ich die Zeit, als YouTube noch Schwarzweiß war) den Reichen und Gelehrten vorbehalten, sowohl das Produzieren als auch das Konsumieren und inzwischen hat dies glücklicherweise längst eine Demokratisierung erfahren. Es scheint aber im Menschen an sich ein natürliches Bedürfnis zu geben, sich von den Anderen abgrenzen zu wollen, also ich da oben und Du da unten und in Deutschland bitte sowieso alle ganz ordentlich mit Gartenzaun und dieses Neuland bringt jetzt aber wirklich auch alles durcheinander. Dabei sollten wir es doch besser wissen, wo uns die Literatur eigentlich vereint, all diese Geschichten verbinden, uns die Vielseitigkeit des Menschen lehren und über den eigenen Tellerrand hinaus blicken und auf den Anderen zugehen lassen sollte.

Die Worte übersetzen die Gedanken des Autors in meinem Kopf in eine Sprache, die kein anderes Medium zu sprechen weiß – sie verbindet mich mit all denen, die an diesem Text gearbeitet haben sowie mit denen, die ihn noch lesen und mit mir diskutieren werden.

Literatur bewegt uns, im Idealfall sind wir nach einem guten Buch ein anderer, vor allen Dingen ein besserer Mensch als vorher, um Erfahrungen reicher, um Gedanken weiter. Literatur ist eine Kunst, sie transportiert Tatsachen, Erfundenes und vor allen Dingen Emotionen. Emotionen machen uns Menschen aus, das Gute und das Schlechte, das Lachen und das Weinen und das Atem anhalten, all das kann Literatur auslösen und manchmal findet man ein Buch, das schafft alles auf einmal. Nach einem solchen Buch habe ich Muskelkater im Gehirn und im Herzen.

Wenn die Literatur im Netz kritisiert wird, dann geht es aber oft auch genau um diesen Punkt – Blogger und Booktuber würden nur Leseemotionen beschreiben, in viel zu einfachen Adjektiven empfehlen, das Buch ist schön, lustig, der wunderbarste Liebesroman aller Zeiten und Herzchen links und Herzchen rechts und hey, den habe ich neulich bei Thalia auch gesehen, Lieblingsautor, John Green Loveparade, Flauschflausch, noch mehr Flausch.

Aber sachlich gute Literatur definieren, wie soll das gehen? Wer bestimmt, was gut ist und was nicht? Gibt es offizielle Regeln? Kleiner Spoiler an dieser Stelle: nein, die gibt es gar nicht! Darf das denn wahr sein?! Die Experten und auch hier ist bisher nicht so richtig klar, wer denn nun einer sein darf und wer nicht, auf jeden Fall darf er oder sie offensichtlich kein katzenbesitzender Heißgetränkeliebhaber sein, sind sich bisher nicht einig. Es gibt zahllose Vorschläge, was und wie ein herausragender Text sein darf oder muss und was nicht und alles, was der Masse gefällt, gehört schon mal definitiv nicht dazu.

Kathrin Passig schlug einmal im Rahmen der Bachmannpreisverleihung Beispiele für offizielle Regeln vor, nach denen man Literatur sachlich und klar vergleichen und bewerten könnte, dazu gehörte das gesteigerte Vorkommen von Nagetieren sowie von Wörtern, die so kreativ sind, dass es selbst bei Google keine Treffer gibt oder schlichtweg alles, was mit Krieg zu tun hat.

Wenn aber nun die selbsternannte Elite tatsächlich vergessen haben sollte, exakt zu definieren, wo Literatur überhaupt anfängt und endet und was eigentlich gute Literatur ist, kann es dann nicht auch tatsächlich sein, dass sie für alle da ist und auch von und mit allen darüber gesprochen werden kann und zur vielfältigen Verbreitung derer nicht sogar jeder so viele Wege wie möglich nutzen sollte, um dies zu tun?

Richard Kämmerlings hat in seinem Artikel ebenfalls geschrieben:

„Alles ist begrüßenswert, was Bücher zu potenziellen Lesern bringt.“ und hier seid Ihr gefragt, dies so bunt, so vielseitig, so eindringlich wie möglich zu tun.

Aber verdammt noch eins, wir haben 2016 – kommt endlich raus aus Eurer Emo-Flauschzone und stellt Euch der dringend notwendigen Professionalität, denn Ihr macht Werbung für das wichtigste Medium überhaupt. Literatur verändert Menschen und benötigt Euch als Botschafter. Wo Mode- und Lifestyleblogs längst zu eigenen Unternehmen geworden sind, habt Ihr weder Mediadaten noch Nutzeranalysen, SEO-Optimierung ist ein Fremdwort, kein Affiliatesystem und auf Nachfrage reicht Euch allein das Herzblut, aber excuse me – davon kann man keine Miete bezahlen. Ihr liebt Literatur? Dann steht dafür auf und beweist, dass Euch das Thema so wichtig ist, dass Bücher so lebensverändernd sind, dass sich die Instagram-Fans lieber den neuen Juli Zeh Roman anstatt den Bibis Beautypalace Bodyschaum kaufen. Literatur ist eine Milliardenindustrie und Ihr findet ernsthaft kein anderes Geschäftsmodell als Herzblut? Verlage geben lieber Millionen an Marketingbudget für Plakatwände und Zeitungsanzeigen aus als für Euch, weil Ihr Euch mit Sprechstunden, Leseexemplaren und Geschenkpäckchen für zehn Euro zufrieden gebt, dabei hat Eure Arbeit einen nachweisbaren Wert. Der Kauf ist nur einen Klick entfernt und die Leser vertrauen Euch längst weit mehr als jedem Journalisten.

Ist meine Meinung weniger wert, nur weil ich mit Literatur tatsächlich meinen Lebensunterhalt verdiene oder vielleicht sogar mehr, weil ich meine Arbeit rund ums Buch mit Selbstbewusstsein und Zahlen untermauere, weil ich für meine Haltung einstehe und ganz klar die Folgen und den Einfluß meiner Empfehlungen komuniziere? Warum stehe ich hier und Ihr nicht, obwohl ich im letzten Jahr nicht einmal ein halbes Dutzend Rezensionen geschrieben habe? Und sagt jetzt nicht: ich will wie Karla werden. Werdet gefälligst besser!

Wir haben zusammen die Literatur demokratisiert, wir geben ihr im Netz tausend Stimmen und Möglichkeiten. Die Zeiten sind vorbei, dass wir uns als Nerds belächeln lassen müssten, dass wir einsam und allein in der Ecke sitzen und einzig die jeweiligen Buchcharaktere als Freunde haben.

Literatur ist grenzenlos – seid Ihr es auch, seid Superhelden, Weltenentdecker, seid Meinungsmacher und Eure Meinung ist Gold wert. Bei der letzten LovelyBooks-Livestreamlesung war der dazugehörige Hashtag in den Twittercharts über dem von Germanys next Topmodel. Das ist genau die Welt, in der ich leben will!

Professionelles Arbeiten und Leidenschaft schließen sich nicht aus, ganz im Gegenteil – zusammen macht es uns besser, lasst Euch nichts anderes erzählen. Ich hoffe, dass Ihr von dieser Messe und auch dieser Veranstaltung neben viel Motivation sehr viel neues Wissen mitnehmt und dies nutzt. Dass es Euch zu besseren Lobbyisten für die Literatur macht. Kommt raus aus Eurer Nerdecke, werdet Vollprofis für die leidenschaftliche Hingabe zum Buch! Lasst Euch nicht kleinreden für das, was Ihr täglich für Literatur leistet. Und falls doch, dann twittert um Hilfe – ich rede Euch wieder groß.

 

Und jetzt: viel Spaß auf der Konferenz!