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Am vergangenen Samstag durfte ich in der NDR Kultur Sendung „BücherLeben“ Buchempfehlungen geben (hier nachhören). Ich habe mich für „Graben“ von Cynan Jones sowie „Was wir fürchten“ von Jürgen Bauer entschieden und möchte dies an dieser Stelle noch einmal ausführlicher begründen:


„Graben“ von Cynan Jones

Als der Schaffarmer Daniel seine Frau durch einen Unfall verliert, bricht alles zusammen. Aber die Natur lässt ihm keine Zeit zu trauern, der Hof muss weiter bewirtschaftet werden, das Land fordert täglich harte Arbeit und volle Konzentration. Er kämpft mit sich und gegen den Alltag, gegen die Erinnerungen an das Glück.

„Die Schafe drängten sich an seine Beine, und er stützte sich gegen sie, als steckte er in einer starken Strömung, und hielt sich am Trog fest. Sie konnte unmöglich tot sein, denn seine Gefühle für sie waren überhaupt nicht weniger geworden. Die Fähigkeit eines Menschen, in uns eine Reaktion auszulösen, setzt uns in Beziehung zu ihm, und solange er das tut, ist etwas Lebendiges an ihm.“

GrabenEin anderer Mann kämpft auf seine Art, er bildet das negative Gleichgewicht – er züchtet Hunde für illegale  Dachsjagden, er ist groß, kraftvoll und brutal, ein Wilderer ohne Respekt vor Anderen. Schon lange hat er sich gegen das Leben entschieden und er ist gefährlich, denn ohne Angst vor dem eigenen Sterben tötet es sich so viel leichter.

„Er war ein unwirscher, großer Mann, und als er ausstieg, hob sich der Lieferwagen und entspannte sich wie ein Kind, das von der aufkeimenden Angst befreit wird, Schläge zu bekommen. Wohin der Mann auch kam, er sorgte für ein Gefühl von Schädlichkeit, und es machte durchaus den Eindruck, als ginge es auch den unbelebten Gegenständen um ihn herum so. Sie hatten Angst vor ihm.“

Beide Männer steuern im Lauf des Romans unaufhaltsam aufeinander zu, wir können kaum atmen und müssen dennoch weiterlesen, selbst wenn Jones uns mit seinen Beschreibungen der Landschaft, der gebrochenen Charaktere und der blutigen Jagden die Kälte in die Knochen schreibt. Der walisische Autor braucht nicht viele Worte für seine Geschichte, auf nicht einmal 180 Seiten erzählt er uns vom immer währenden Kampf zwischen Gut und Böse, nicht alle werden ihn überleben.

Cynan Jones zeigt uns die dunklen Seite der Natur, all den Hass, die Wut und was aus einem Menschen werden kann, wenn er dem nachgibt, wir müssen kämpfen, immerzu. Er beschreibt nur und fällt selbst kein Urteil, er zeigt uns die eigene Nichtigkeit, ab und zu gibt er uns Hoffnung, wenigstens ein bisschen.

Cynan Jones wurde 1975 in Wales geboren. Er ist Autor von vier Romanen und zahlreichen Erzählungen, die in Zeitschriften wie »Granta Magazine« oder der »New Welsh Review« veröffentlicht wurden. Für seinen Debütroman wurde er 2007 mit dem Betty Trask Award ausgezeichnet, für »Graben« erhielt er 2014 den Jerwood Fiction Uncovered Prize. Cynan Jones lebt in Aberarth, einem kleinen Dorf an der walisischen Küste.

Liebeskind Verlag + Übersetzung: Peter Torberg + gebundene Ausgabe 16,90 Euro + ISBN: 978-3-95438-039-8 + Leseprobe (pdf)


„Was wir fürchten“ von Jürgen Bauer

Wer beurteilt, was wahr ist, was real ist, wer gibt uns Sicherheit? „Wenn Du wirst wie Dein Vater, bringe ich mich um.“ Dieser Satz brennt sich in Georgs Kopf, er will es verhindern, will seine Familie beschützen und doch entgleitet ihm alles. Trotz allem Wünschen und Beten nimmt sich sein Vater das Leben und das ist nicht nur für die Mutter zu viel, vor allen Dingen für Georg öffnet dieses Ereignis den Ängsten, dem Kontrollverlust Tür und Tor. Er wird regelmässig geflutet von Befürchtungen vor Krankheiten, vor Unfällen, die Paranoia wird sein ständiger Begleiter, sein bester Freund und sein schlimmster Feind.

waswirfuerchtenMeine Angst ist jederzeit bei mir und passt auf mich auf … Beschützt mich. Vor mir, vor Ihnen. Und gleichzeitig ist ein solches Leben kein Leben mehr, wenn man sich der Angst ergibt.

 

 

Leben heißt doch, sich auf unerwartete Dinge freuen, auf Überraschungen, und seien es schlechte. Auf das noch nicht Entschiedene, nicht Festgelegte, auf das Unsichere. Aber meine Krankheit zwingt mich bis heute zum Gegenteil: Ich will Gewissheit und Klarheit. Ich will wissen, wie die Tage bis zum Ende meines Lebens aussehen werden. Aber dass ich das will, heißt doch, dass ich längst tot bin.

Aber was wäre, wenn all diese angeblichen Verrückten in unserer Welt die Dinge einfach nur besser erkennen – wenn diese Stimme im Kopf recht hat?

Der österreichische Autor Jürgen Bauer gibt dem Wahnsinn einen fassbaren Charakter, er berichtet von der unaufhaltbaren Zerstörungskraft psychischer Krankheiten – schon fast drohend schreibt er immer wieder „Das ist alles nur in Deinem Kopf“. Die ständigen Gedankenschleifen und Theorien des Ich-Erzählers lassen einen mit den Seiten am eigenen Verstand zweifeln, ähnlich den Spielen in den Romanen von Thomas Glavinic verschwimmen bald Normalität und die Angst vor dem, was wirklich Realität sein könnte.

Jürgen Bauer, geboren 1981, lebt in Wien. Im Rahmen des Studiums der Theater-, Film- und Medienwissenschaft in Wien, Amsterdam und Utrecht spezialisierte er sich auf Jüdisches Theater und veröffentlichte hierzu zahlreiche Artikel und Buchbeiträge. 2008 erschien sein Buch No Escape. Aspekte des Jüdischen im Theater von Barrie Kosky. Seine journalistischen Arbeiten zu Theater, Tanz und Oper erscheinen regelmäßig in internationalen Zeitungen und Zeitschriften. Jürgen Bauer nahm mit seinen Theaterstücken zwei Mal am Programm »Neues Schreiben des Wiener Burgtheaters« teil. Das Fenster zur Welt ist sein Debütroman. 2015 erschien sein zweiter Roman „Was wir fürchten“.

Septime Verlag + gebundene Ausgabe 21,90 Euro + ISBN: 978-3-902711-38-0


Literatur ermöglicht uns den Blick in andere Leben, im Idealfall lässt uns der Autor alles um einen herum vergessen und zu einem Teil der Geschichte werden, wir erfahren das, was den Charakteren passiert – im Guten wie im Schlechten. Cynan Jones und Jürgen Bauer brachten mich als Leserin weit über meine Grenzen und das ohne unnötige Brutalität, sie zeichnen lediglich ein klares Bild von dem, was viele von uns täglich tragen müssen. Leid kann man nicht vergleichen, man kann es auch nur schwer beschreiben – dennoch haben beide Autoren wenige, richtige Worte dafür gefunden. Man sollte diese Romane nicht lesen um sich daran zu weiden, sondern um täglich dankbar zu sein für das, was wir haben und jederzeit verlieren könnten. Man sollte sie für mehr Verständnis für uns alle lesen, weil wir ebenso jede Sekunde in die Dunkelheit fallen könnten. Schlussendlich sollte man sie lesen, um das Talent und den Stil dieser Schriftsteller zu genießen, die fernab des Unterhaltungstheaters der Buchbranche wichtige Literatur geschrieben haben.

Danke an die Verlage, die solche Texte möglich machen.