Buchtipp: „Ich bin gleich da“ von Anne Köhler

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Mit ersten Malen kannte Elsa sich aus, es gab nichts Schöneres. Die letzten Male machten ihr zu schaffen. Sie hatte sich so oft zu erinnern versucht, wann sie mit ihrem Vater was zum letzten Mal gemacht hatte, hatte Kalender zurate gezogen, aber bei den meisten Dingen ließen sich die Zeitpunkte nicht mehr genau bestimmen. Sie hatte den Ereignissen keine Bedeutung beigemessen, weil sie ja nicht gewusst hatte, dass es letzte Male sein würden.

 

Als Elsas Vater unerwartet bei einer gemeinsamen Unternehmung im Wald an einem Herzinfarkt verstirbt, hinterlässt dieses Erlebnis einen nicht zu kittenden Spalt in ihrem Herzen. Ähnlich dem Auseinanderbrechen eines Eisbergs driftet in ihr alles auseinander, ein Teil verstirbt mit ihm, sie findet nicht mehr zurück. Auch die restliche Familie schafft es nicht gemeinsam zu trauern, jeder versucht es für sich und alle scheitern. Elsa bricht ihre Schule ab und arbeitet fortan in stetig wechselnden Küchen in stetig wechselnden Orten, immer nur weg von der Erinnerung und der Einsamkeit. Der stressige und hitzige Alltag als Köchin lenkt sie ab von dem, was sie nie verarbeitet hat und nur daheim in der stillen Wohnung bricht oft alles unter ihr weg. Mit 23 Jahren findet sie sich in einem XXL-Restaurant wieder, wo die Schnitzel und Burger unfassbar groß sind sowie weder Gäste noch Kollegen auf sie achten. Klein und blass kommt sie sich vor, so verhält sie sich auch, so huscht sie durchs Leben.

Ans Meer will sie, die brechenden Wellen sehen und raus aus dem kleinen Ort – nur der Mut ist nicht da und wenn sie in manchen Nächten ihr Kollege Georg im Arm hält, dann kann sie sich einreden, dass es reicht. Doch das tut es nicht und in einem wackeligen Moment macht sie sich auf den Weg und lässt auch diesen Mann und diesen Abschnitt zurück und geht nach Hamburg. Einfach an den Landungsbrücken stehen und den Schiffen beim Verladen zusehen. Einen Kaffee trinken und überlegen, wohin die Reise gehen könnte, träumen und nur in diesem Moment sein, bis sich Jan neben sie setzt. Der Architekt ist ebenfalls aus dem Leben geworfen, einsam, es treffen sich zwei haltlose Menschen und ohne viele Überlegungen nimmt er sie bei sich auf. Er ist so fremd, dass er ihr ohne Gefahr nah sein kann und bringt sie tatsächlich dazu, dass sie sich völlig überstürzt und mit klopfendem Herzen bei einem Sternerestaurant bewirbt. Manchmal und doch öfter als man denkt hat das Leben Lust auf Wunscherfüllung und so wird sie auf Probe genommen und versinkt mit uns in der großartig heißen und bunten Küche der Profigastronomie.

Zuerst die heißen Teller, von oben erzeugten die Wärmelampen ein temperiertes Flimmern auf der Haut, Steinpilze, sautiert und kreisförmig, Schalottenvinaigrette, dunkelrot, sechs über Kreuz gestapelte Pommes frites, drei oben, drei unten, „Gruppensex!“ rief Louis, in die Mitte die Goldbrasse. Der nächste Teller: eine Linie aus Maisgemüse, links ein Polenta-Crostino, rechts zwei Zylinder vom Bison, dazu die Sauce mit Honig, Majoran und Butter.

 

Hier kann sie alles vergessen, in Hamburg ein neues Leben führen, eine neue Elsa sein und endlich atmen. Bis ihr Bruder anruft und sie gezwungen wird zurückzublicken …


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Ach, denkt man, ein weiterer Coming of Age Roman und noch dazu gemischt mit kulinarischen Einflüssen – das kennt man, das kann man schon nicht mehr lesen, mal reinlesen, trotzdem. Aber Autorin Anne Köhler beschreibt so eine zarte und zugleich widerspenstige kleine Person, setzt uns einfach schnell mitten in ihr Leben und ihr Hoffen auf Änderung und Glück ist so ergreifend, dass man sie inmitten der Seiten nicht allein lassen will. Fortan liest man also weiter und kann nicht mehr aufhören, streicht sich einzelne Sätze an, mit denen Köhler so eindrücklich die Gefühlswelt von Elsa beschreibt, dass wir vor uns nicht nur ihre Küche sehen, ihre Handgriffe beim Schneiden, wir können auch das Schlagen ihres Herzens spüren, wenn sie in Hamburg an der Elbe steht und allen Mut zusammen nimmt.


Anne Köhler (privat)
Anne Köhler (privat)

Auf Knisterwaren.de gibt Autorin Anne Köhler Auskunft über sich und ihren fast unerträglich zu Herzen gehenden Debütroman. Sie wurde 1978 in Gießen geboren und wuchs dort auf. Nach dem Abitur ging es nach Berlin, unterschiedliche Dinge wurden ausprobiert, es half nichts, sie landete in Hildesheim. 2006 Abschluss des Studiengangs „Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus“ bei Hanns-Josef Ortheil. Seitdem lebt und arbeitet sie in Berlin. Für Ortswechsel sorgten diverse Stipendien, unter anderem bei Mircea Dinescu in Rumänien, an der Villa Decius in Krakau, in Stuttgart im Schriftstellerhaus und an der Akademie Schloss Solitude. 2013 war sie Stadtschreiberin von Dresden.

Sehr lange hat sie für ihren ersten Roman gebraucht, die Jahre finanzierte sie sich mit Nebenjobs, zum Beispiel auch mit der Arbeit in Restaurants – welche jetzt die Hauptrolle im Buch fand. Sie veröffentlichte zu diesem Thema bereits das Sachbuch „Nichts werden macht auch viel Arbeit“. Auf Spiegel Online berichtete sie bereits im Jahr 2010 davon, wollte damals aber noch nicht über ihren Roman reden. Sie scheint immer noch ein bisschen scheu zu sein, ebenso wie ihre Figur Elsa, aber das Suchen von Gemeinsamkeiten zwischen Buch und Autorenleben ist und bleibt ein Klischee. Wir können nur hoffen, dass Sie für den nächsten Roman nicht wieder so lange braucht, aber wenn er dann ebenso gut werden sollte – ich würde es ihr verzeihen.


„Ich bin gleich da“ von Anne Köhler + Dumont Verlag +  ET März 2015 + gebundene Ausgabe 19,99 Euro + ISBN ISBN 978-3-8321-9751-3 + 352 Seiten


Über Karla Paul 29 Artikel
Literatur ist meine Religion - breitbandkreative Sturmkönigin - Verlagsleitung Edel & Electric und Edel Elements sowie Buchtippgeberin in der ARD / Deichkind at work

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