Buchtipp: „Aus hartem Holz“ von Annie Proulx

„Nach wenigen Stunden ging der durchweichte Laubmoder in Nadelwaldhumus über. Die Luft war zutiefst würzig. Kiefernnadeln säumten ihren Weg, und die verschlungenen Zweige schluckten ihr Keuchen. Hier wuchsen gewaltige Bäume, wie man sie in der alten Heimat seit Jahrhunderten nicht gesehen hatte, immergrüne Riesen, höher als Kathedralen, wolkenstechende Fichten und Hemlocktannen. Die gigantischen Laubbäume standen voneinander entfernt, aber ihre blattbeladenen Äste und Zweige verbanden sich oben zu einem Scheinhimmel, dunkel und ungezähmt.“

Über ein Jahrzehnt hat uns die kanadisch-US-amerikanische Schriftstellerin und Pulitzerpreisträgerin Annie Proulx auf ihren neuen Roman „Aus hartem Holz“ warten lassen. Nach international auch dank ihren Verfilmungen erfolgreichen Bestsellern wie „Schiffsmeldungen“ und „Brokeback Mountain“ veröffentlicht die 82-jährige Autorin nun mit „Bark-Skins“ (Originaltitel) fast 900 Seiten über die nordamerikanische Geschichte von 1693 bis 2013. Sie begründet mit diesem „blattbeladenen“ Roman ihre lange Auszeit – jedes Kapitel strotzt vor spannend wie informativ eingebetteten, wahrscheinlich mühsam recherchierten Details über das Leben, Handeln und Sterben von diversen Ländern, Völkern und Kulturen, Einzelheiten der Flora und Fauna Nordamerikas sowie die interpretiert negative Entwicklung der Umwelt im Gegensatz zu stets dominierendem Geld, Macht und Gier.


Zum Inhalt von „Aus hartem Holz“:

René Sel und Charles Duquet sind zwei von hunderten Siedlern, die im 17. Jahrhunderten voller Neugier und ohne viel Wissen Neufrankreich betreten. Die Beschäftigten des Monsieur Trépagny folgten ihm aus den Elendsvierteln in Paris über den Atlantischen Ozean. Wie so viele hatten sie kaum eine Wahl, dafür kräftige Hände und den Willen für eigenes Land zu arbeiten, sowie Hoffnung auf eine bessere Zukunft auf dem ihnen so fremden Kontinent. Beide finden inmitten der grünen und zu dieser Zeit noch von wenigen Lichtungen erhellten Wälder ein neues Zuhause, alles von da ab Kommende für sie und ihre Familien wird sich um das Holz drehen, alles Leben dort entstehen, alles Sterben dort sein Ende finden.

Während Sel sich fügt, unterwürfig und sanft einen Platz sucht und an der Seite der dortigen Ureinwohner, den Indianern, finden wird, ist Duquet von anderer Natur. Er sieht in den Bäumen, den Tieren, dem Lebensraum das Geld, die Möglichkeiten auf schnellen Reichtum und seine Chance – er benennt sich in Duke um, studiert die Handelswege und lernt deren Sprache, bedient sich dabei jedes nötigen Mittels und baut die noch für Generationen ebenso zerstörerische wie erfolgreiche Company „Duke & Sons“ auf. Doch die Folgen beider Männer sowie all ihrer europäischen Nachreisenden, das nahezu komplette Auslöschen der ursprünglichen Völker, Pflanzen und Tiere werden nur von wenigen und viel zu spät erkannt … LESEPROBE


Die Autorin Annie Proulx lebte selbst für viele Jahre in der amerikanischen Natur und zog erst aufgrund ihres Alters zurück in die Stadt. Die Liebe dazu ist auf jeder Seite zu lesen, eben so wie der Vorwurf an ihre eigenen Vorfahren sowie indirekt auch an den Leser, wie wir in der Vergangenheit als auch heute damit umgehen. Gerade zu prächtig und satt beschreibt sie immer wieder die Farben, die Gerüche, aber auch die Gewalt des Waldes sowie die darin lebenden Menschen. Ganz nach dem Motto „Kill your darlings“ lässt sie hunderte Holzarbeiter und tausende Indianer an den Neuerungen zugrunde gehen, bringt die Cholera und weitere tödliche Krankheiten nach Neufrankreich und mordet durch die Gier und Dummheit ihrer Charaktere Seite über Seite in diversen Völkern. Mitleid kennt Proulx nur mit den gefällten, verbrannten, platt gefahrenen Bäumen, den zugeschütteten Seen, der Natur, die sich viele Jahrhunderte später durch den Klimawandel und weitere Auswirkungen am kurzsichtigen Menschen rächen wird. Spannend und detailreich erzählt sie die nordamerikanische Geschichte, lässt aber teilweise die emotionale Wucht anderer Romane wie z.B. der „Schiffsmeldungen“ vermissen und kann den Leser deswegen an nur wenige der Charaktere binden.

„Aus hartem Holz“ sind 896 lesenswerte Seiten, die abseits von „Landlust“-Kitsch ähnlich wie „Die Geschichte der Bienen“ ebenso unterhalten wie informieren und mahnen. Ein Widerspruch, dass nun ausgerechnet für diese Liebeserklärung an den Baum, das Sinnbild des Lebens, so viele davon sterben werden müssen. Proulx bietet all ihr Erzähltalent, um uns einen epischen amerikanischen Generationenroman zu schenken, kaum verfilmbar – auch wenn man beim Lesen schon Martin Scorsese inmitten wilder Wälder Regieanweisungen brüllen sieht.  Lesen Sie diesen Roman, lassen Sie die Jahrzehnte, das Lieben und das Sterben an sich vorbei ziehen, atmen Sie tief ein und aus inmitten all der Neuerungen, Kriege und Zerstörungen der Menschheit, klappen Sie das Buch zu und pflanzen sie einen Baum – dies ist sicherlich im Sinn von Roman & Autorin.


Grundinformationen „Aus hartem Holz“ von Annie Proulx:

Originaltitel: „Bark-Skins“ / Übersetzung: Melanie Walz & Andrea Stumpf / erschienen am 27. März 2017 bei Luchterhand / gebundenes Buch mit Schutzumschlag und Lesebändchen / ISBN: 978-3-630-87249-0 / 896 Seiten / 26 Euro Neupreis / EBook 20,99 Euro /

Über Karla Paul 29 Artikel
Literatur ist meine Religion - breitbandkreative Sturmkönigin - Verlagsleitung Edel & Electric und Edel Elements sowie Buchtippgeberin in der ARD / Deichkind at work

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