Buchkolumne 11/2015: Shitstorm bei Oetinger, eine Messe ohne Diogenes und Wondratscheks ungewöhnlicher Bestseller

Die Frankfurter Buchmesse ohne den Diogenes Verlag:

Diogenes_WerbungEs gibt nur wenige Verlage, die eine so starke Fanbindung zu Lesern und dem Buchhandel haben, wie der Diogenes Verlag (Autoren Paulo Coelho, Martin Suter, Patrick Süskind uvm.). Jeder kennt die weißen Cover, auf die Qualität der Inhalte kann man sich seit Jahrzehnten (Gründung 1952) verlassen – aus Zürich kommen gute Bücher. Punkt. Umso größer war das Entsetzen, als diese Woche bekannt gegeben wurde, dass der Verlag aus Spargründen in diesem Jahr nicht auf die Frankfurter Buchmesse fahren wird. Dies begründet sich dadurch, dass Anfang des Jahres der Franken knapp zwanzig Prozent teurer wurde. Nun hat der Verlag alle Kosten (Büros, Angestellte etc.) in der Schweiz, den Großteil der Verkäufe allerdings in Deutschland. Somit verliert er ohne eigenes Verschulden nur durch die Frankenangleichung eine Menge Geld, das wiederum woanders wieder eingespart wieder muss. Zudem ist die Messe inzwischen immer mehr Marketingmaßnahme und weniger Geschäftstreffen, viele Absprachen und Verhandlungen finden nicht mehr direkt in Frankfurt statt – ein teurer und aufwendiger Stand ist also gar nicht zwingend notwendig. Vielleicht ist Diogenes auch nur der erste Verlag von vielen, die in den Umbruchzeiten zwischen Amazon und Selfpublishern darauf verzichten oder sich reduzieren und Gemeinschaftsstände besetzen. Trotzdem schadet es sicher nicht, wenn man bei Gelegenheit mal wieder im Lieblingsbuchhandel zu einem weißen Buch aus der Schweiz greift …


Shitstorm bei Oetinger – Alarm im Kinderbuchparadies:

Es gab einmal den Kinderbuchverlag Oetinger (es gibt ihn immer noch, keine Sorge) und der veröffentlichte seit Jahrzehnten lustige und lehrreiche Kinderbücher wie z.B. „Das Sams“, „Pippi Langstrumpf“, „Petterson und Findus“ und viele mehr. Deswegen liebten ihn nicht nur die Kinder, sondern vor allen Dingen auch die Erwachsenen, die ja selbst schon mit diesen Büchern groß geworden sind. Irgendwann machten sich manche der Erwachsenen aber zurecht Gedanken über diese Bücher und da sich inzwischen viele Dinge überholt hatten, wurden die Inhalte korrigiert – da durfte Pippi z.B. nicht mehr Negerprinzessin werden. Soweit ein normaler Vorgang, der Mensch wird klüger und da sollten die Bücher ruhig nachziehen.

Sexismus bei OetingerNun veröffentlichte der Oetinger Verlag im August 2013 den Jungs-Roman „Die inneren Werte von Tanjas BH“ der Autorin Alex Haas (eigentl. Jutta Wilke) inklusive einem „ultracoolen Mädchen- und Jungsposter in jedem Buch“ und dieses wurde nun von einem Feminismusaccount auf Twitter gepostet. Nicht ganz zu unrecht wurde hier kritisiert, dass ohne Zusammenhang zu den (vielleicht) im Buch erklärenden Inhalten hier z.B. leicht der Eindruck entsteht, dass Mädchen nichts können und noch dazu im Bikini rumzulaufen haben. Weitere solche Mutmaßungen sind dem darauf folgenden Twitter-Shitstorm zu entnehmen, der innerhalb weniger Stunden das komplette Netz inkl. Buzzfeed, Stern, Huffington Post uvm..

Katharina Mahrenholtz vom NDR schreibt dazu:

Wie schön, dass mal über ein Jugendbuch gestritten wird! Noch schöner wäre es, wenn diejenigen, die sich hier so furchtbar aufregen, das Buch auch gelesen hätten. Dann wüssten sie, dass es sich um Ironie handelt, bzw. um die Perspektive eines 13-Jährigen. Wenn überhaupt werden hier also dreizehnjährige Jungen diskriminiert, denen man unterstellt, dass sie so über Mädchen denken.

Nachfragen bei der Zielgruppe könnten allerdings ergeben, dass es keine Diskriminierung ist, sondern Realität. Oder glaubt wirklich jemand, dass ein Junge zu seinen Kumpels sagt: „Hey, ich habe eine neue Freundin, die ist total intelligent und witzig. Wie sie aussieht? Das ist doch nebensächlich!“ Träumt weiter, Frauen.

Ihre Kollegin Helene Buchholz (ebenfalls NDR) entgegnet:

Nur weil es diese Jungen auch gibt, muss man ihre Sicht der Welt ja nicht mit einem platten Plakat bestätigen. Wenn man ironisch sein will, sollte man sich gut überlegen wie man seine intendierte Message auch transportiert. Diese Form der Kommunikation ist eine hohe Kunst und die beherrscht eben nicht jeder. Dann sollte man es lieber lassen.

 

Alles gesagt. Der Shitstorm ist wie so oft bereits abgeebbt und der Oetinger Verlag wird sich das mit den Werbemitteln in Zukunft sicherlich zweimal überlegen. (Oder eben nicht. Any Press is good Press.)

Und wo wir gerade bei Kinderbüchern sind – was machen eigentlich unsere ehemaligen Helden wie z.B. „Hanni und Nanni“, „Pu der Bär“ oder „Michel aus Lönneberga“ heute? Die FAZ hat eine recht unterhaltsame kleine Klickestrecke dazu gebastelt!


Welttag des Buches – Bücher in die Twitter-Trends:

Mayersche_Twitter_WelttagZum Welttag des Buches hat sich die Mayersche Buchhandlung einen Twitter-Flashmob ausgedacht. Am 23. April treffen sich alle Literaturliebhaber um 19 Uhr auf dem sozialen Netzwerk Twitter und schreiben zu einem vorher verabredeten Hashtag über Bücher. Durch die Masse der Teilnehmer soll dieser Hashtag in die deutschen Twittercharts kommen und damit mehr Leute auf Literatur aufmerksam machen. Wer mitmachen will, der kann sich in der dafür vorbereiteten Facebook-Veranstaltung (Twitter bietet so eine Möglichkeit nicht an) eintragen und wird dann rechtzeitig über alles informiert!

blogger2015-300x156Ebenfalls wieder mit dabei ist die Aktion „Blogger schenken Lesefreude“, an der jedes Jahr fast tausend Literaturblogger teilnehmen und auf ihren Webseiten anlässlich des Welttags ihre Lieblingsbücher verlosen. Mitmachen kann grundsätzlich jeder kostenlos und es gibt eine Übersicht über alle Teilnehmer.

 


Interviews rund ums Buch – wer sagte was?

Auch in dieser Woche gab es wieder einige interessante Interviews, hier ein Kurzüberblick:

Agentin Petra Hermanns im Buchmarkt Sonntagsgespräch über Selfpublishing sowie das veränderte Verhältnis zwischen Autor und Verlag:

Dennoch denken viele Autoren weiterhin, dass klassische Verlage mit ihren Werkzeugen, Budgets und Möglichkeiten ihr Buch groß rausbringen können. Das dies oftmals nicht der Fall und die Enttäuschung der Autoren dann erheblich ist, ist zunehmend die Regel. Verlage können aufgrund der vielen Titel in ihren Programmen nicht immer individuelle Strategien und Tools für das einzelne Buch anwenden. Daher bekommen meist nur wenige ausgewählte Titel den Großteil des Marketingbudgets zugesprochen. Demzufolge bleibt die Öffentlichkeitsarbeit für das Buch auch bei großen Verlagen mehr und mehr in der Verantwortung des Autors. Weiterlesen!

 

Autor James Ellroy in der Südwest Presse über seinen neuen Roman „Perfidia“ sowie die Arbeit als Schriftsteller:

Die eigenen Erfahrungen sind zwar wichtig für einen Schriftsteller und sie fließen natürlich auch in mein Werk ein. Aber viel wichtiger sind zwei andere Faktoren: Talent und Arbeit. Zweifellos habe ich Talent. Besser als andere Schriftsteller bin ich allerdings nur, weil ich mehr arbeite als alle anderen. Ich bin ein gewissenhafter, besessener Handwerker, der sich richtig reinhängt und schuftet. Ich arbeite 40 Stunden am Tag, obwohl ich weiß, dass er nur 24 hat. Weiterlesen!

 

Autor Henning Mankell über das Leben und Sterben mit seiner Krebserkrankung:

Ich gehe zu meinem Manuskript. Oder nehme mir ein Buch. Wenn die Agonie kommt, lese ich und verschwinde einfach in einem Buch. Egal, in welchem. Es kann ein Buch sein, das ich schon zehnmal gelesen habe. Lesen beruhigt mich besser als eine Pille. Bücher sind meine Kathedralen. Weiterlesen!

 

Literaturscout Catherine Farin über ihre Liebe zur Literatur:

Im Haus meiner Eltern gab es, als ich ein kleines Mädchen war, keine Bücher, doch eines Tages fand ich alte, staubige Bücher im Keller meines Großvaters. Ich begann, sie zu lesen, alle, und dann wollte ich unbedingt über die Gefühle, die sie in mir auslösten, sprechen. Es war Lyrik. Der erste Autor, den ich las, war der französische Lyriker Verlaine. Ich habe alles von Verlaine gelesen. Seitdem habe ich viele andere Bücher aus der ganzen Welt entdeckt, und das starke Verlangen danach, meine Meinung über Bücher zu teilen, ist immer geblieben. Weiterlesen!


Lehrjahre sind keine Herrenjahre – auch in der Buchbranche:

Copyright: Junge Verlagsmenschen
Copyright: Junge Verlagsmenschen

Das Arbeiten in der Buchbranche erscheint dem Nachwuchs oft wie der heilige Gral – täglicher Kontakt mit erfolgreichen Autoren, den nächsten Bestseller entdecken, große Kampagnen planen und vieles mehr, ganz nah an der Literatur sein. Doch die Einstiegsplätze sind begehrt und noch dazu unterbezahlt, das haben die Jungen Verlagsmenschen e.V. herausgefunden:

Volontäre verdienten während ihres Volontariats durchschnittlich 1.117 Euro brutto im Monat, also ca. 300 Euro unter dem gesetzlich festgelegten Mindestlohn. Ohne die Einberechnung der Steuerprogression höherer Einkommen entspricht das ca. 850 Euro netto. Durchschnittlich bezahlte Mietkosten der Volontäre beliefen sich auf 395 Euro – zum Leben blieben also durchschnittlich ca. 450 Euro.

Während des Volontariats übten ungefähr ein Drittel der Volontäre einen Nebenverdienst aus: 19% zeitweise, 13% während des gesamten Volontariats.

Da es aber mehr als genug Bewerber für diese Stellen gibt, werden die Verlage an der Bezahlung wahrscheinlich zukünftig wenig bis nichts ändern. Trotzdem sind solche Umfragen und statistischen Erhebungen allein deswegen wichtig, damit man sich vorab informieren und im Zweifel auch noch einmal nachverhandeln kann, wenn der eigene Verlag evtl. sehr vom Durchschnitt abweicht und dies auch nicht durch Extraleistungen wie Übernahme der Fahrtkosten, Essensgeld oder andere Zuschüsse ausgleicht. Danke für die ehrenamtliche Arbeit und Unterstützung der Jungen Verlagsmenschen e.V.!


Ein neuer Trend – Malbücher für Erwachsene:

Der Fuchs aus "Enthaltet Forrest"Achtsamkeit ist einer der großen Erfolgstrends der letzten Jahre. Immer mehr Menschen suchen einen Ausgleich zum stressigen Berufsalltag und wollen alles langsamer machen, genießen, weg von großen Abenteuern zum Glück in kleinen Dingen finden. Nach dem Slow Cooking, dem Stricken und dem Geocaching sind jetzt Malbücher für Erwachsene ein neuer Trend. Das „Secret Garden Coloring Book“ eroberte in den USA die Bestsellerlisten und wird auch hier langsam erfolgreich. Autorin und Künstlerin Johanna Basford zeigt auf ihrer Website die Entstehung sowie die Bilder der Käufer. Das Ausmalen wirkt ebenso wie bei Kindern beruhigend, fördert die Kreativität und bringt wichtige Pausen in den hektischen Alltag.

Tattoo Designs für ErwachseneWer hat hier gefurzt von GoldmannWer es nicht ganz so romantisch und blumig verspielt will, dem sind auch sehr unterhaltsame Alternativen deutscher Verlage geboten: „Tattoo Designs zum Ausmalen“ (Knaur Verlag) und „Wer hat hier gefurzt?“ (Goldmann Verlag). Na dann – happy painting bzw. um den Meister Bob Ross zu zitieren: „In life you need colors!“


Zwei neue alte Buchläden in Berlin:

Martina Tittel ist die ehemalige Geschäftsführerin des Dussmann-Kulturkaufhauses und hat im Februar die älteste Buchhandlung Berlins (gegründet 1713), die Nicolaische Buchhandlung, übernommen – die Morgenpost berichtet darüber:

MartinaTittelIm Sommer 2014 reifte die Erkenntnis, dass etwas Neues her musste. Tittel überlegte sich Konzepte, hatte Ideen. „Dann las ich in der Zeitung die Todesanzeige des Vorbesitzers hier“, sagt sie und wirft einen Blick durch ihre Buchhandlung. „Ich rief Dieter Beuermann an und fragte: Dieter, wie geht’s denn jetzt weiter? Er antwortete: Gut, dass Du anrufst …!“ Es gab noch einiges zu regeln. Mitte Februar unterschrieb Martina Tittel den Vertrag. Weiterlesen!

Ebenfalls wiedereröffnet hat Ocelot – eine der jüngsten Buchhandlungen Berlins, die unter Fritjhof Klepp im vergangenen Herbst Insolvenz anmelden musste. Nun übernimmt laut Buchreport Herbert Thurn:

HerberthThurnHerbert Thurn (Foto), Buchhändler und Geschäftsführer der eBuch GmbH & Co KG, übernimmt zum 1. April die Berliner Buchhandlung, die am 7. April in den bisherigen Räumlichkeiten in Berlin-Mitte (Brunnenstraße 181) neu eröffnen wird. Thurn betreibt selbst unter dem Namen Bücher-Thurn eine Buchhandlung in Mindelheim, außerdem weitere fünf Geschäfte (Ocelot mitgerechnet) mit der B.Service GmbH, die er gemeinsam mit vier weiteren Geschäftsführern leitet (Renate Klaus, Lisa Stollwerk, Lorenz Borsche und Julian Müller). Weiterlesen!

 


Valar Morghulis – Serienkiller George R. R. Martin:

Die „Das Lied von Eis und Feuer“ Reihe des Fantasy-Autors George R.R. Martin begeistert inzwischen weit mehr Menschen als TV-Serie „Game of Thrones“. Die Washington Post hat sich nun einmal die Arbeit gemacht und sämtliche Tote inkl. Schattenwölfe sowie die tödlichsten Tatorte und wirkungsvollsten Killer einmal aufzuzählen und zu illustrieren – inklusive der aktuellen Staffel 4 sind wir damit bei 456. Somit macht Martin seinem Schlachtruf „Valar Morghulis“ d.h. „Alle Menschen müssen sterben“ alle Ehre! Eine tolle Übersicht für Fans, die gerne bei Literaturreihen Nachahmung finden darf:

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Wolf Wondratscheks neuer Bestseller mit der Auflage 1:

Der Autor Wolf Wondratschek ist umstritten, so wie vielleicht jeder gute Künstler. Man muss seinen eigenen Kopf, sein eigenes Herz haben und sich von der Kreativität statt den Verlegern und deren Marketingwünschen leiten lassen – das Opfer bringen heute nur noch wenige. Aber Wondratschek ist so einer und deswegen mit seinen Geschichten schon fast legendär – allerdings eben nicht nur positiv, kein Verleger will ihn mehr zu seinen Forderungen veröffentlichen. Nun setzt der Autor deswegen noch einen obendrauf, wie die FAZ berichtet:

Vor ein paar Monaten nun hat der Dichter seinem Freund von seiner Situation erzählt, dass es keine angemessenen Angebote für seinen neuen Roman gebe. „Ich habe sofort gesagt, das interessiert mich“, erzählt Meier. Und er schwärmt von diesem Dichter, den er kennen lernen durfte. „Überlegen Sie mal, wieviele langweilige Menschen rumlaufen“, sagt er. Und dass Wondratschek natürlich ständig Leute vor den Kopf stoße, keine Kompromisse mache, nie schweige, wenn er glaubt, dass etwas gesagt werden müsse, sich vor keinem Großkopfeten verbeuge, nur um einen Literaturpreis zu kriegen. „Ich nenne ihn einen Solitär“, sagt Meier. „Ein Juwel“.

Mit Freude habe er die Gelegenheit ergriffen, das Manuskript zu kaufen. Ohne zu feilschen, hat er den von Wondratschek geforderten Preis gezahlt, den kein Verlag mehr zahlen wollte. „Ich kaufe einen Wondratschek“, hat er sich gedacht. Und ist jetzt stolz, das Manuskript allein zu besitzen. Ob er den Text vor dem Kauf gelesen habe? „Ich habe nicht Inhalte gekauft, sondern die Überraschung.“ Er erwarte keine Dankbarkeit. Im Gegenteil, er sei es, der dankbar sei: „Als Payback bekomme ich nicht Geld, sondern den Umgang mit einem sehr interessanten Menschen.“

Auch diese Art des Verlegens kann ein gutes Geschäftsmodell sein, wenn man erst einmal die passende Nachfrage hat. Wieder einmal eine tolle Geschichte im Leben des Wolf Wondratschek!


Alles Gute für die neue Literaturwoche,

 

Eure Karla

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