Buchkolumne 09/2015: zum Tod von Tomas Tranströmer, ab zur Read! Berlin und happy Birthday Harry Rowohlt

Zum Tod von Tomas Tranströmer:

Die Zeit eröffnet den Nachruf auf den am 26. März verstorbenen Dichter Tomas Tranströmer mit wunderbar passenden Worten:

Copyright: Hanser Verlag
Copyright: Hanser Verlag

Die Buchstaben hütete er wie die herrlichsten, teuersten Dinge. Der schwedische Nobelpreisträger Tomas Tranströmer war ein Dichter des Fürsichbehaltens.

 

 

 

In 60 Jahren poetischer Arbeit seit seiner ersten Veröffentlichung 17 Gedichte von 1954 hat er kaum 500 Seiten mit seinen 29 Buchstaben ausgefüllt. Das scheint wenig, aber nur, wenn man Wahrheit in Seitenzahlen und Zeit in Jahren misst.

und schreibt zärtlich über den Mann, der im Jahr 2011 den Literatur Nobelpreis erhielt. Hans Jürgen Balmes, Programmleiter für Internationale Literatur beim Verlag S. Fischer, endet in einem Rückblick auf Tranströmers Leben in der NZZ: „Oh, ist die Welt still ohne ihn, und so voller Lärm.“


Herzlichen Glückwunsch – Harry Rowohlt feiert 70. Geburtstag

36a7a6244916176ba7acf75888e1ca34Egal was er übersetzt, vorliest oder moderiert – die Menschen lieben es, sie lieben ihn. Harry Rowohlt ist ein Urgestein der deutschen Buchbranche und das nicht nur, weil er der Sohn des Verlegers Ernst Rowohlt ist (dessen Verlag er an Holtzbrinck verkauft hat und seitdem nicht mehr darauf angesprochen werden will). Über 150 Bücher wurden von ihm übersetzt (z.B. Frank McCourts „Die Asche meiner Mutter“), beständig hat er seine Stimme für Hörbücher und Lesungen gegeben und sogar geschauspielert, sein Leben stets inmitten der Literatur gelebt. In dieser Woche wurde er 70 Jahre alt. Das Deutschlandradio Kultur feiert seine bisherigen Leistungen und berichtet mit einem Gespräch zwischen Zeichner F.W. Bernstein und Journalistin Nana Brink, wie es dem an Polyneuropathie leidenden Rowohlt aktuell geht:

Ich hab ihn jetzt vor ein paar Wochen zum letzten Mal gehört, da hat er in Berlin gelesen, ein englisches Kinderbuch, und seine Stimme war da wie nur was. Er saß im Rollstuhl aber – prima. Also, die Stimme ist eines, und dann seine Schauspieler-Klugheit. Egozentrik ist Quatsch! War er überhaupt nicht. Er weiß, was er seinem Beruf schuldig ist und gibt dem nach.

Ganz egoistisch wünscht man sich einen unsterblichen Harry Rowohlt, der auch in Zukunft noch Kinder und Enkel und uns alle mit seinem Talent begeistert. Happy Birthday!


Read! Berlin – die Hauptstadt hat ein neues Literaturfestival

Bildschirmfoto 2015-03-29 um 12.19.08Es gibt Ideen, da wundert man sich, dass die nicht schon längst jemand hatte und eine davon ist Read! Berlin – die Hauptstadt hat nämlich ab jetzt ihr eigenes cooles Literaturfestival (Verzeihung an all die anderen Veranstalter) mit Veranstaltungen rund um Berlin, aus Berlin sowie im Netz sowie vor Ort.

Die Webseite gibt Auskunft und lockt mit kreativen Ideen:

read!berlin ist das erste Literaturfestival, das der Digitalisierung der Gesellschaft, des Literaturgeschäfts und der neuen Erzählformen Rechnung trägt. read!berlin wird auch das erste digitale Literaturfestival Berlins sein, das multimediale Räume öffnet. Es wird klassische und neue Formen des Erzählens präsentieren, von den bereits bekannten Lesungs-Formaten über Facebook-Stories bis zu Tweets und der Bloggosphäre auf Youtube.

Neben Mitternachts-Stories und einem täglichen Debattierclub werden Lesungen an außergewöhnlichen Orten durchgeführt. Erstmals wird es auch „Literatur to go“ geben: AutorInnen, SlammerInnen oder SchauspielerInnen sitzen an öffentlichen Orten und lesen auf Wunsch Kurztexte vor. Bei literarischen Stadtführungen wollen wir Werke von AutorInnen, wie Tucholsky und Brecht lesen lassen, die in Mitte gelebt bzw. gearbeitet haben. Und wir machen Vergangenheit gegenwärtig. Mit den „vergessenen Premieren“. Sie dürfen gespannt sein. Wir freuen uns auf Sie.

 


Digitalanbieter readbox rettet 16.358 Bäume

Wir lieben Worte und die wenigsten Leser lieben zusätzlich noch Zahlen, auch ich quäle mich eher ungern mit Statistiken herum. Deswegen hat der Dienstleister readbox (Auslieferung digitaler Produkte) nun seine Jahreszahlen sehr unterhaltsam zusammengestellt und bilanziert:


Die Buchbranche gegen einen Zweitmarkt für E-Books

Anfang der Woche waren Autoren und Verleger zu einem Fachgespräch der Grünen in den Bundestag eingeladen worden und diskutierten über die möglichen Zukunftsmodelle auf dem Digitalmarkt. Vieles wird bereits ausprobiert (Preisreduzierung als Marketingmöglichkeit, Skoobe und andere E-Book-Flatrates etc.) und alle zeigen sich offen für weitere Ideen. Die Urheber selbst waren deutlich gegen eine Zweitverwertung von E-Books, da diese aktuell Schriftstellern und Verlagen finanziell wenig attraktive Erlösmodelle bietet. Das Onlinemagazin heise brachte einen unreflektierten und negativen Bericht über die Veranstaltung, woraufhin sich Autorin Nina George anonyme Anfeindungen gefallen lassen musste. Dies nutzte sie, um ihren Standpunkt sowie den vieler Autoren auf ihrer Facebook Fanpage noch einmal klarzustellen (verkürzte Stichpunkte – für die Originalversion bitte ihr Posting nachlesen):

10351384_737514956338491_1529860606655386550_nLeider sprechen gegen einen digitalen Zweitmarkt:

 

  • eBooks altern nicht, sie bleiben ewige Neuware; Es gibt so gesehen keine sichtbar, fühlbar oder technisch nachvollziehbare „Gebrauchtware“.
  • um zu sichern, dass ein gelesenes eBook vom Erstrechner gelöscht wird, ist umfassende Kontrolle und ein intensives DRM nötig. Will ich meine Leser kontrollieren? Ich nicht.
  • auch Wasserzeichen, selbstauflösene eBooks oder „Alterungs- oder Selbstzerstörungsprozesse“ „(„burn after reading“) würde dennoch bedeuten, dass der Zweitmarkt den Erstmarkt bedroht und letztlich kannibalisiert.
  • auch ein ID-Streaming-Modell, das garantiert, dass Erstbesitzer wirklich vom gekauften legalen eBook „befreit“ werden, hieße: ein Buch wird gekauft und eben durch seine digital gleichbleibende hohe Qualität problemlos für ewig weiter verkaufsfähig gehalten. Menschen warten dann, bis ein eBuch wieder im Zweitmarktpool auftaucht, und kaufen doch eben nicht „neu“, es sei denn, sie wollen das Werk behalten.
  • auf die Idee eines Netzpolitikers, dass Verlage doch die Zweitmarktplattformen aufbauen sollten, fragte der HoCa-Mann, warum er bittesehr dieselbe Ware zweimal verkaufen sollte, nur ohne Autorenbeteiligung?!
  • Amazon und Apple haben übrigens bereits Patente auf Secondhand-Distribution schon vor Jahren angemeldet und wären die größten Profiteure und Bestimmer des Handels. Schon jetzt wollten sie von Hachette/Bonnier 50 % vom eBookpreis (was sie nicht erhalten haben, aber dennoch mehr als 30 % bekommen). Sie werden auch vom Wiederverkäufer Prozente einnehmen, also für ein und dasselbe Produkt mehrfach kassieren. Will man das?
  • wir haben das große Problem der paid piracy. Siehe auch FAZ-Artikel von Montag oder das MusikWoche-Dossier von Herwig/Rieck. Schon jetzt schwingen sich Buchpiraten zu digitalen Buchhändlern auf und nehmen Abo-Gebühren für durchschnittlich 110.00 deutschsprachige ILLEGALE eBooktitel. D.h.: Piraten und Uploader verdienen an Produkten die sie nicht finanziert haben. Und ein Wiederverkauf würde es möglich machen, dass auch sie sich mit ihren Dateien, Links und Paketen daran beteiligen.
  • eOnly-Autorinnen leben auch vom Longtail. Fällt der mit Zweitmarkt weg – weil die Leser warten, bis es endlich ein halb so teures eBook gibt, das jemand anderer gekauft hat und dann wieder evrkauft – was aber „wie neu“ auf den Rechner kommt – haben die digital first Autorinnen keinen Long tail.
  • Vor dem Gesetz sind eBooks juristisch bewertet als elektronische Dienstleistung. Faktisch und wirtschaftlich sind sie Bücher. Sie zum Wiederverkauf fähig zu machen hieße, den Erschöpfungsgrundsatz zu erweitern und damit auch zu ermöglichen, dass Bibliotheken alle eBook zwangslizenzieren lassen können um sie – ebenfalls – zu verleihen. Hier ist immer noch offen, in welcher Höhe das geschehen soll, und was es dafür gäbe.
  • Bibliotheken sind es, die nur 4 Cent pro Ausleihe zahlen und nicht mal bereit sind zu sagen, wie viele eBooks genau, wie viele Lavendelzimmer genau (Beispiel) sie eigentlich verleihen. Die VG Wort treibt es für mich ein – zum Glück.
  • in den Foren Heise hat jemand behauptet, er zahle „Geräteabgaben“ auf Tablets und Handies usw. Das Problem ist: nein. Keine der Tablet/Handyindustrien zahlt Geräteabgaben. Sie haben auch keine Rückstellungen vorgenommen. Die VG Wort klagt dagegen seit Jahren.
  • Das SoftUsedUrteil ist in D mehrfach von Gerichten als nicht anwendbar auf eBooks beurteilt worden, d.h.: eine Software und ein Buch sind nicht dasselbe.
  • Multilizenzen machen es möglich, EIN ebook auf fünf Geräten zu lesen, eine ID macht es möglich, dass ich mein Buch verleihen kann, wenn ich meiner Freundin erlaube, sich mit meinem ITUNES-pw einzuloggen. Es GIBT also Möglichkeiten, nur andere als mit Holzbüchern.

Die Diskussion bleibt weiterhin wichtig, da Autoren und Verlage auch in Zukunft vom Veröffentlichen der Literatur leben wollen und sollen. Dafür müssen neue Geschäftsmodelle gefunden bzw. alte Modelle verändert werden. Danke an dieser Stelle an Nina George für ihren Einsatz! Unterstützen kann man ihre Arbeit z.B. bei der Aktion „JA zum Urheberrecht“!


J.K. Rowling rockt Twitter

Viele Autoren agieren inzwischen ganz selbstverständlich auf den sozialen Netzwerken, so auch die Harry Potter Erfinderin Joane K. Rowling mit knapp 4,5 Millionen Followern. Regelmäßig beantwortet sie dort sympathisch und unkompliziert Fragen von Fans – diese Woche z.B. sehr schlagfertig:

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Die völlig harmlos gemeinte Frage der Leserin hatte leider zur Folge, dass sie unzählige Hasstweets anderer Menschen erhielt und sie trotz Verteidigung Rowlings ihren Account stilllegte.


Interviews – bunt gemischt:

  • Auf Steglitzmind wird aktuell der Mitteldeutsche Verlag vorgestellt. Dieser war mir komplett unbekannt, bis ich im Rahmen meiner Seraph Jurytätigkeit die Novelle „Die letzte Kränkung“ las und Autor Christopher Ecker mich mit seinem Schreibtalent von der ersten bis zur letzten Seite begeisterte (Groß.art.ig). Verleger Roman Pliske auf die Frage „Woher beziehen Sie trotz sattsam bekannter Schwierigkeiten Ihr Engagement?“: Auf ein neues Buch fällt man immer wieder neu rein. Alle Enttäuschung ist vergessen, alle Zweifel weggeräumt, man sieht nur Chancen und dass man weitermachen muss! Weiterlesen!
  • Was macht eigentlich ein Comic-Professor? Bookster ist ein Onlinemagazin über Frankfurter Literaturmenschen und aktuell wird Prof. Dr. Bernd Dolle-Weinkauff vom Institut für Jugendbuchforschung porträtiert. Er ist mit dafür zuständig, ob ein Buch für Jugendliche als gefährdend eingestuft wird. Weiterlesen!
  • Warum studiert man Angewandte Literaturwissenschaft und was nutzt einem das dann? Welchen Job kann man damit machen? Laura Sonnenfeld steht auf litaffin Rede und Antwort zu ihrer Tätigkeit bei Oetinger34, beschreibt ihren Werdegang und was beim aktuellen Projekt die nächsten Monate so ansteht! Weiterlesen!
  • Den Unterschied zwischen Lektorat und Korrektorat erklärt uns am besten der Lektor Michael Lohmann in einem sehr ehrlichen und unterhaltsamen Interview über das Berufsbild, die Überarbeitung und die witzigsten Fehler bzw. die Frage, ob er überhaupt Fehler macht: Ausgeschlossen. Aber er sollte an die Perfektion stoßen. Mich ärgert dies zum Beispiel: Ein Autor, mit dem ich viel mache, kommt zu mir und sagt, ein Testleser habe eine Stelle gefunden, an der ich eine Mine, die im Bleistift, mit der im Gesicht, der Miene, verwechselt habe. Natürlich kenne ich den Unterschied. Aber es passiert. So etwas passiert jedem. Weiterlesen!

Literaturschock fördern – via Crowdfunding

Die Literaturplattform Literaturschock hat gemeinsam mit ihrer Schwester Leserunden.de inzwischen über 150.000 monatliche Besucher und wird seit Jahren sehr aktiv von Autoren und Verlagen zur Buchpromotion und dem Austausch mit dem Leser genutzt. Dies geschah bisher kostenlos und die Moderatoren der Plattform arbeiteten ehrenamtlich – im Gegensatz zur erfolgreichsten deutschen Literaturplattform LovelyBooks.de, die sich über Affiliate sowie unterschiedliche Marketingpakete für Verlage finanziert. Ab einer gewissen Größe und aufgrund des gestiegenen Aufwands macht es Sinn, über verschiedene Finanzierungsmöglichkeiten nachzudenken und dies führte nun zu einer Aktion auf der Crowdfundingplattform Patreon:

Support Susanne creating a community and portal for book lovers 2015-03-29 14-57-07

Die Leser/Autoren/Verlage können dort monatliche Abos abschließen und so der Website ein gewisses Mindesteinkommen garantieren. Für jeden Teilnehmer werden unterschiedliche Pakete angeboten. Den Betreibern geht es ausdrücklich nicht darum, mit ihrem Portal reich zu werden (was ihnen aber auch zu gönnen wäre), sondern die dauerhaft entstehenden Kosten zu decken sowie weitere Möglichkeiten zu finanzieren. Bisher sind schon über 300 Euro pro Monat zusammengekommen. Es bleibt abzuwarten, ob sich nicht nur Leser, sondern auch Autoren und Verlage dafür engagieren, dass ihre Bücher weiterhin eine Marketingplattform haben.


Buy local – Friedrich Liechtenstein:


Alles Gute für die neue Literaturwoche,

 

Eure Karla

 

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