Buchkolumne 07/15: mehr Literaturpreise für Frauen, Strafzoll für Schweizer Buchkäufer und heiße Leser auf Instagram

Literaturhype auf Instagram

Das Bildernetzwerk Instagram wurde bisher oft als eine Sammelstelle für Mittagessenfotos verlacht, dabei kann man dort auch fabelhaft Werbung fürs Lesen machen. Es ist also längst Zeit mal drei aktuelle Aktionen vorzustellen:

#HotDudesReading versammelt attraktive Männer, die in öffentlichen Verkehrsmitteln Bücher lesen. Der Account dazu ist Anfang Februar entstanden und hat bisher schon über 275.000 Follower weltweit. In Deutschland ist diese Aktion leider nicht zur Nachahmung empfohlen, wenn die unfreiwilligen Models nicht ihr Einverständnis dazu gegeben haben.

Bei der @SubwayBookReview bekommt man viele neue Buchempfehlungen von den Lesenden selbst. Fast täglich werden Leser in der U-Bahn in New York nach ihrer Lektüre befragt und diese geben ausführlich Antwort und lassen sich gleich mit ihren Büchern fotografieren. Wer nicht auf Instagram ist, der kann alle bisherigen Tipps auch auf der offiziellen Website zum Projekt nachlesen! Hier stehen nicht die Models, sondern die Bücher im Vordergrund:

Bildschirmfoto 2015-02-15 um 08.24.29

Das Literaturnetzwerk @LovelyBooks hat aktuell eine bunte Instagram-Aktion gestartet, bei der nicht nur die Angestellten, sondern auch die Community selbst ihre vielseitigen Bücherregale unter dem Hashtag #LBShelfie zeigt! Sowohl auf Instagram als auch auf Twitter kann man so mal bei fremden Lesern stöbern gehen und gemeinsame Leseleidenschaften sowie verschiedene Ordnungssysteme entdecken!


Digitalisierung von antiquarischen Büchern

E-Books setzen sich tapfer weiter durch und im Normalfall werden die meisten Neuerscheinungen automatisch auch als Digitalausgabe veröffentlicht. Doch was ist mit den Inhalten, die selbst für den angeblich so lohnenden Rattenschwanz der Backlistdigitalisierung der Verlage zu alt sind?

Gerade bei Büchern bzw. Textdokumenten, die bereits mehrere Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte alt sind und auch in Zukunft weiterhin als stetige Wissensquelle dienen sollen, bietet sich die Digitalisierung an. Studenten aus der ganzen Welt können so jederzeit darauf zugreifen und die ursprünglichen Inhalte bleiben unversehrt. Die Bayerische Staatsbibliothek in München geht mit gutem Beispiel voran:

Als erste der großen Universal- und Forschungsbibliotheken Kontinentaleuropas stieg München im Jahr 2007 beim großen Büchersammeln der Firma Google ein, beim Scannen der urheberrechtsfreien Bücher wurde vor zwei Jahren der einmillionste Band erreicht. Ebenfalls elektronisch eingelesen, aber ohne Google, wurden wertvolle Handschriften und Wiegendrucke, hinzu kommt alles Digitale, was neu publiziert wird.

Die SZ berichtet über den enormen organisatorischen und vor allen Dingen finanziellen Aufwand, der daraus entsteht und wie sich Bayern trotzdem weiterhin für das Projekt einsetzt.

© Chris Korner/DLA-Marbach
© Chris Korner/DLA-Marbach

Das ZVAB hat das Deutsche Literaturarchiv in Marbach besucht und sich den wohl größten deutschen Aufenthaltsort für Dokumente, Briefe und Manuskripte vieler Schriftsteller angesehen (siehe Bericht). Diese werden nach der Ankunft dort aufbereitet und so versorgt, dass sie die nächste Zeit möglichst unbeschadet überstehen. Auch der Nachlass von Siegfried Lenz wurde erst kürzlich dorthin überstellt.

Mit der anschließenden Archivierung eines durchschnittlichen Nachlasses von 100 Archivkästen kann ein Mitarbeiter 3 bis 4 Jahre beschäftigt sein. „Nach dieser Zeit kennen die Mitarbeiter den Autor in der Regel so gut wie ein Familienmitglied“, sagt Dr. Ulrich von Bülow, der Leiter der Abteilung Archiv.

 

 

Warum archivieren und nicht einfach wegwerfen? In der Wirtschaftswoche schreibt Kolumnist Marcus Werner unter „Schmeißt Bücher in den Müll!“ darüber, warum uns das gerade bei Büchern oft besonders schwer fällt und welche Gründe dafür und dagegen sprechen!


Strafzoll für Buchkäufer aus der Schweiz

Die Badische Zeitung berichtete diese Woche über einen Freiburger Antiquar, der von allen Buchkäufern aus der Schweiz 20 Prozent mehr verlangen will.

„Ich will das als symbolhafte Aktion gegen die Gier verstanden wissen“, sagt Antiquar Michael Plietzsch. Plietzsch wehrt sich gegen die Hamsterkäufe von Schweizern im angrenzenden Deutschland: „Ich kann für mich nicht akzeptieren, dass hier aufgrund des erstarkten Franken so ein Run auf Waren eingesetzt hat, die für Schweizer deutlich billiger sind.“

Aufgrund des in letzter Zeit erstarkten Franken ist die Literatur im angrenzenden Ausland sehr viel teurer geworden und auch die Verlage wie z.B. Diogenes haben stark zu kämpfen – deswegen fahren viele Leser nun nach Deutschland oder bestellen gleich bei Amazon.de.

Die 20 Prozent, die er mit Schweizer Kunden mehr verdiene, will Plietzsch keineswegs in die eigene Tasche stecken, sondern für geistig Behinderte spenden.

Als Antiquar ist dies für Michael Plietzsch möglich – alle Buchhändler mit neuer Ware unterliegen der Buchpreisbindung. Dies mag nach einer lustigen Anekdote klingen, der Hintergrund ist aber eher eine aktuell schlimme Phase für den Schweizer Literaturmarkt. Zudem wurde nun gegen den Händler Anzeige erstattet. Begründung: Volksverhetzung.


Weltbild verkauft das halbe Filialnetz

Laut Spiegel Online konnte der angeschlagene Konzern Weltbild nun fast die Hälfte aller Filialen verkaufen:

Rund 70 Läden müssten wegen zu hoher Struktur- und Mietkosten verkauft werden, teilte der angeschlagene Buchhändler am Freitag in Augsburg mit. Käufer sei eine mittelständische Buchhandelskette aus Ahaus. Rund 75 Filialen bleiben demnach im Besitz von Weltbild.

 

Die Mitarbeiter sollen wohl komplett übernommen werden und damit ist dies vorerst eine gute Nachricht. Bei aller Häme über den Niedergang von Großketten gilt es an die Arbeitsplätze zu denken und dass dort täglich tausende Leser mit Literatur versorgt werden.


Da kotzt das Texterherz

b3e6fff905472f8dff3c21a763c9286dDer Riva Verlag hat ein gutes Händchen für Fettnäpfchen und das ist die eher harmlose Umschreibung für den nun wiederholten Fall von Urheberrechtsverletzung. Gerade erscheint das Buch „Da kotzt das Texterherz“ und ist die gedruckte Ausgabe der gleichnamigen Facebook-Gruppe, in der über 20.000 Menschen in den letzten Jahren humorvolle Fundstücke zusammentrugen. Die Administratoren hatten die Nutzer für den Druck des Buches nicht um Erlaubnis gebeten und rudern nun aufgrund deren wütenden Reaktionen zurück, wie Spiegel Online berichtet. Sie sollen mit Rezensionsexemplaren entschädigt werden, damit der Verlag die Bücher nicht zurückziehen muss.

Aber gerade Riva hätte es besser wissen müssen, nachdem sie bereits im Jahr 2012 für ein Twitter-Buch mit geklauten Tweets und FB-Postings einen Shitstorm kassierten. Von der Verlagsbranche sollte man mehr Sensibilität für Urheberrecht erwarten.


Literaturblogger – vom Lesen leben?

Bildschirmfoto 2015-02-13 um 18.46.48
Bloggerpaten der #lbm15

In dieser Woche kursierten verschiedene Abrechnungen von Bloggern, die einmal Zeit und Kosten für ihr Hobby notierten – bei manchen ist es sogar zur Haupteinnahmequelle (SZ: Geschäftsmodell Internet) geworden. Davon können Literaturblogger meist nur träumen. Kaum einer hat genug Zugriffe für Marketingkooperationen wie z.B. Andrea Koßmann von Kossis Welt (Youtube Channel 13.000 Abonnenten). Für viele Booktuber und Buchblogger bleibt es ein Hobby – Anerkennung erhalten sie trotzdem, z.B. als Onlinetipp in klassischen Medien. Arndt Stroscher (AstroLibrium) wird auf Merkur Online vorgestellt, jedoch leider nicht verlinkt. Die Leipziger Buchmesse hat nun sogar Bloggerpaten für ihren Literaturpreis gewählt – die Abstimmung selbst dürfen sie allerdings nicht beeinflussen. Im Gegensatz zu Food-, Beauty und Modeblogs bleiben Bücherseiten so weiterhin ein Nischenthema. Ist es eine Frage des Selbstbewusstseins, der Professionalität oder suchen die meisten Leser doch immer noch im Feuilleton nach Empfehlungen? Gerade im Literaturbereich wird der Wunsch nach einer gerechten Bezahlung für geleistete Arbeit leider oft verpönt, es gibt keine Agenturen oder Werbenetzwerke wie in anderen Branchen. Wer dies ändern möchte, dem helfen evtl. die Tipps zur Bloggerprofessionalisierung von Regina weiter.


Zu wenige Literaturpreise für Frauen

Die Shortlist für den Preis der Leipziger Buchmesse steht fest und die taz ist damit nicht zufrieden:

Das sieht gar nicht gut aus. Für den Preis der Leipziger Buchmesse ist in der Kategorie Sachbuch/Essayistik keine einzige Frau nominiert. Seit der Preis im Jahr 2005 ins Leben gerufen worden ist, wurde er in ebenjener Kategorie nur ein einziges Mal einer Frau zugesprochen, nämlich Irina Liebmann für „Wäre es schön?“. Und in der Kategorie Belletristik ist es nun auch schon sechs Jahre her, dass eine Frau den Preis gewonnen hat. Das war damals Sibylle Lewitscharoff.

 

(Zugegeben, die Vergabe von Preisen an Sibylle Lewitscharoff kann man durchaus kritisieren.) Nachdem im vergangenen Herbst bereits sehr ausführlich über die Vergabe des Deutschen Buchpreises geschimpft und der Mangel von nominierten und bepreisten Frauen bemängelt wurde, muss das Thema wohl erneut raus. Ich sitze aktuell in der Jury für den SERAPH Fantasypreis und lese mich durch 15 Titel der Longlist, davon sind drei Schriftsteller Frauen.

Journalistin Birte Vogel hat einmal genau nachgezählt und kommt zu einem traurigen Ergebnis:

Frauen dürfen also massenhaft Bücher kaufen und lesen, sie dürfen sie verkaufen, sie dürfen sie auch schreiben. Nur dürfen sie nicht darauf hoffen, in den nächsten 100 Jahren (außer mit dem Deutschen und dem Evangelischen Buchpreis) für ihre Leistung auch noch mit einem Buchpreis gewürdigt zu werden.

thea-Nachgezaehlt-Buchpreise-Vgl-bis_1979_ab_1980

Wo genau liegt also das Problem? Werden nicht genug Frauen veröffentlicht oder reichen die Verlage mehr männliche Autoren für die Preise ein?

Um dem entgegenzuarbeiten, gibt es Organisationen wie die Mörderische Schwestern e.V. und diese vergeben auch in diesem Jahr wieder ihr mit 1.500 Euro dotiertes Krimi-Stipendium:

logo_72dpi„Nach wie vor ist die deutschsprachige, von Frauen verfasste Kriminalliteratur in den großen Verlagshäusern, im Buchhandel und auch bei den Preisvergaben stark unterrepräsentiert. Durch dieses Stipendium möchten wir talentierten Frauen die Möglichkeit geben, einem Projekt die benötigte Extrazeit zu widmen, um qualitativ herauszuragen und damit einem Imagewandel der von Frauen geschriebenen, deutschsprachigen Kriminalliteratur Vorschub zu leisten.“

 

 

Noch bis zum 14. März 2015 kann man sich bei den Mörderischen Schwestern bewerben!


Bücherdomino gegen Langeweile

Falls jemand an diesem Sonntag noch nichts vorhat und die hauseigene Bibliothek sowieso mal wieder umorganisieren wollte – probiert es doch mal mit Bücherdomino. Die Bücherei von Seattle macht es vor:

Foto: Jörg Sanders / NOZ
Foto: Jörg Sanders / NOZ

Solltet Ihr auch Literatur aussortieren, dann landet Sie evtl. in der Kunstaktion von Hiltrud Schäfer – diese hat in Osnabrück alte Bücher in einer Verkehrsinsel eingegraben. Dieses Projekt ist Teil einer Kunstaktion mit vielen alten Schätzen, die niemand mehr haben wollte. Falls Ihr selbst aktiv werden wollt, hat Bloggerin Inga Sooth viele kreative Ideen gesammelt, was man aus Büchern basteln und ihnen so ein neues Leben geben kann!


Penguin Books Pullover für Pinguine

Zum Schluß noch eine nette Anekdote aus Australien – dort strickt der älteste Mann des Landes gern Pullover für verletzte Pinguine. Besonders niedlich ist dabei natürlich der Pinguin, der passend zu seiner Tierart einen „Penguin Books“-Pulli trägt und damit eigentlich sofort zum neuen Maskottchen des berühmten britischen Verlags erkoren werden müsste:

penguins


Alles Gute für die neue Literaturwoche,

 

Eure Karla

You may also like

4 comments

  1. Wenn man sich so umschaut in der Netzwelt, dann fällt auf, dass die Monetarisierung von Blogs immer mehr in den Fokus rückt.

    Literaturblogger – vom Lesen leben? Ich habe da für mich eine ganz einfache Antwort gefunden. Ich möchte weder von Verlagen, noch von Autoren noch von Online-Händlern für meine literarische Leidenschaft bezahlt werden.

    Das hätte zur Folge, dass Meinung zu Markte getragen wird und die journalistische Unabhängigkeit erste tiefe Kratzer erhält.

    Just hobby – just passion – just love…

    Und so, wie du es erwähnst, finden wir Feedback in Printmedien und auch ohne Verlinkung aus dem Online-Artikel des Münchner Merkurs heraus standen BlogStatisitk, Telefon und Mailbriefkasten nach der Veröffentlichung im Print- und Onlineformat nicht mehr still. Es gibt diese Blogger-Glückssträhnen auch in Verbindung mit der Auswahl zu einem der Bloggerpaten für den Preis der Leipziger Buchmesse.

    Mehr braucht es nicht, um zu fliegen 😉

  2. Pingback: Demo Spiele

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.