Buchkolumne 04/2015: Neustart bei Suhrkamp, Bookopoly, der E-Book Erklärbär und die südlichste Bibliothek Deutschlands

Suhrkamp – endlich der langersehnte Neustart?

Suhrkamp VerlagEs gibt nur wenige Verlage, von denen ich Bücher blind kaufen würde – Suhrkamp ist einer von ihnen. So wie mir geht es immer noch sehr vielen Lesern und umso mehr schmerzte es die Buchbranche, dass der Rechtsstreit der letzten Monate den Verlag nicht zur Ruhe kommen ließ. Nun wurde das Unternehmen in eine Aktiengesellschaft umgewandelt und es gab einen neuen Investor. Zudem gibt Chefin Ulla Unseld-Berkéwitz ihren Posten ab und wechselt in den Aufsichtsrat, wie Spiegel Online berichtet. Dadurch wird dem Gegenstreiter Hans Barlach das Mitspracherecht genommen – die Welt erklärt die genauen Hintergründe. Es ist dem Verlag zu wünschen, dass er ab jetzt wieder mehr mit seinen Büchern und Autoren in den Schlagzeilen steht! Empfehlenswert sind aktuell neben dem mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichneten „Kruso“ von Lutz Seiler auch „Gegenspiel“, der neue Roman von Stephan Thome, sowie „Zeig dich, Mörder“ von Louis Begley oder „Die Buchhandlung“ von Penelope Fitzgerald!

Sehr lesenswert ist ein aktuelles Interview mit Suhrkamps Cheflektor Raimund Fellinger in der taz über seine Arbeit im Verlag, wie er die aktuelle Lage einschätzt und welche Titel er aus welchen Gründen abgelehnt hat:

Das eine war der Essay von Stéphane Hessel „Empört Euch!“, der ein riesengroßer Erfolg wurde. Es war mir nicht analytisch genug und wir hatten keine Form für so ein schmales Bändchen. Und dann noch André Gorz‘ „Brief an D.“ Da hatte ich mich irritieren lassen, da fehlte mir der Mut. Seine Frau hatte eine schwere Krankheit und sie haben vereinbart, dass sie sich beide umbringen werden. Vorher hat er noch ein Buch darüber geschrieben. Ärgerlich, dass wir das nicht gemacht haben.


Prokrastination für Schriftsteller – J.K. Rowling liebt Minecraft

Die Harry Potter Autorin J.K. Rowling hat diese Woche auf Twitter zugegeben, dass sie Minecraft spielt und das mit zu den größten Ablenkungen vom Schreibprozess gehört. Der Guardian hat deswegen gleich mal die Lieblingsspiele einiger anderer Autoren wie Vladimir Nabokov (Schach), Martin Amis (Darts) sowie Al Alvarez (Poker) uvm. vorgestellt!

bookopolyAber auch die Leser wollen mal Ablenkung vom Text und da bieten sich ebenfalls tolle Spiele rund um die Literatur an. Wie wäre es denn z.B. mit Bookopoly, oder den Sonderausgaben von Trivial Pursuit oder Memory für Buchliebhaber? Der amerikanische Blog „Bookishfindings“ stellt Spiele, Accessoires, Klamotten etc. für die perfekte Ausrüstung rund ums Buch vor! Wer auf Deutsch rätseln möchte, der kann auf Superliteratur beim Quiz sein Wissen testen oder beim Memory Autoren finden!


Der E-Book Erklärbär – wie wird das Buch digital?

Machen wir es kurz: E-Books riechen nicht. Das ist – wenn man dem Bibliophilen an sich glauben mag – der Hauptkritikpunkt und daran lässt sich wohl wenig ändern. Zudem gibt es sehr viele Fragen von Lesern, Autoren und Buchhändlern an die Verlage rund ums Digitale Produzieren und hier nun einige Infos, die hoffentlich weiterhelfen!

Peter Schmid-Meil arbeitet beim GRIN Verlag und hat da mal was aufgeschrieben:

Wer gern direkt ins digitale Lesen einsteigen möchte und noch ein passendes Gerät sucht, dem hilft Johannes Haupt auf lesen.net weiter – dort hat er eine gute Übersicht über die aktuellen Möglichkeiten, Preise und technischen Updates geschaffen!

Ins Detail geht Steffen Meier (Leiter Produktinnovation bei readbox) auf seinem Blog „Meier meint“ und stellt dort Neuheiten aus der Digitalbranche zur Diskussion.

Wenn man sich schon ein bisschen auskennt und gern auf kurzen Wegen mit Branchenkollegen über Digitalprobleme reden möchte, dann ist man in der Facebook-Gruppe eBooks / eBook-Reader / eReading richtig. Es handelt sich hierbei um eine geschlossene Gesellschaft, d.h. keine Scheu vor auf den ersten Blick seltsamen Nerdfragen – der Austausch hilft uns allen!

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Wie funktioniert die Onleihe der örtlichen Bücherei?

Kostenfreie E-Books (weil gemeinfrei) gibts beim Projekt Guttenberg – bei diesen Titeln sind die Rechte abgelaufen. Ansonsten kosten E-Books aus gutem Grund Geld, weil sie keineswegs ein Abfallprodukt der Buchherstellung sind, sondern es für jeden Shop sowie Reader einer eigenen Überarbeitung und Anpassung des Textes bedarf. Es ist in Deutschland nicht legal gekaufte E-Books zu tauschen oder weiterzuverkaufen, man kann aber bei diversen Flatrate-Plattformen mitmachen und sie ganz einfach bei der Bücherei ausleihen: Die beste E-Book-Verwaltungssoftware ist Calibre – kostenlos verfügbar für alle Systeme und sehr leicht in der Handhabung!

Ebenso unterliegen E-Books der Buchpreisbindung und werden seit 01. Januar 2015 aufgrund des Bestimmungslandprinzips in allen Shops mit 19% Mehrwertsteuer berechnet (vorher z.B. über Apple und Amazon nicht, weil diese ihren Sitz nicht in D hatten). Bücher haben aber einen Mehrwertsteuersatz von 7% (weil Kulturgut) und Bundles sollen getrennt ausgewiesen werden. Minimore-Logo_800x362In manchen Shops wie Apple und Amazon kauft man nicht das E-Book, sondern nur eine Lizenz dafür – d.h., wenn man sich dort abmeldet, dann sind auch die digitalen Bücher weg. Deswegen bieten inzwischen fast alle lokalen Buchhändler auf ihrer Website eine gute Alternative, richten einem sogar das Gerät ein und beantworten Fragen – man kann aber auch online bei einer E-Book-Boutique wie minimore gezielt Bücher ohne hartes DRM kaufen.

Anfangen kann man da z.B. mit „Tausend Tode schreiben“ aus dem Frohmann Verlag. In diesem E-Book versammeln sich mit der Zeit ingesamt 1000 Texte über den Tod und das Sterben und die Verlegerin erzählt in WIRED sehr ausführlich von ihrem Projekt und warum so etwas eben nur im Digitalen Sinn macht:

FrohmannLogo_minimore-248x248Ich bin Digitalverlegerin und mag es, Strömungen im Netz zu entdecken und durch eine Veröffentlichung zu verstärken. Ich finde Menschen auf Twitter und erkenne Autoren in ihnen. Das führt zu Projekten, die es so noch nicht gibt. Ökonomisch ist es oft ein Desaster, aber von der persönlichen Erfüllung her eben unbezahlbar. Wenn ich mit meinem Nischenzeug Print gemacht hätte, wäre ich verrückt.

 

 

Ich habe mich hier aber auch für die E-Book-Form entschieden, weil ich dadurch flexibler und beweglicher in der Produktion bin. Ich wollte nicht zwei Jahre vorher überlegen müssen, woher ich Geld bekomme, sondern das Projekt schon während des Tuns ausloten.

Wer nun noch Fragen oder selbst was über E-Books zu erzählen hat, der fährt nach München zum E-Book-Camp Ende Februar. Aktuell sind zwar alle Tickets ausverkauft, meist wird aber kurzfristig noch etwas frei!


James Patterson veröffentlicht selbstzerstörendes E-Book

Der amerikanische Bestsellerautor James Patterson ist einer der erfolgreichsten Schriftsteller weltweit. Nun erscheint mit „Private Vegas“ ein neuer Teil seiner Thrillerreihe  und er möchte dafür maximale Aufmerksamkeit. Deswegen hat er sich mit seinem Verlag einen so noch nie dagewesenen Marketinggag ausgedacht – das selbstzerstörende E-Book. 1.000 Fans können sich auf einer Website kostenlos die Datei herunterladen, die sich dann nach 24 Stunden von selbst wieder löscht! Wem kostenlos zu billig ist, für den gibt es noch ein besonderes Special:

The person who does decide to cough up $294,038 for Patterson’s new book will, according to the video and an ingeniously named promotional website, receive a first class flight to an undisclosed location, two nights stay in a luxury hotel, lots of champagne, 14K gold-plated binoculars in a leather case engraved with Patterson’s initials, a five-course dinner with Patterson, the entire Alex Cross book series autographed by Patterson and, of course, an exclusive front row seat to the actual destruction of the book by a bomb squad.


Update 1 zur Leipziger Buchmesse

Inzwischen gibt es Neuigkeiten zum Bloggertreffen der Leipziger Buchmesse: es wird W-Lan auf dem Gelände geben, der Hashtag wurde in #bmb15 umgeändert und es gibt einen ausführlichen Bloggerguide, in dem viele Fragen beantwortet und weitere Ideen angestoßen werden!

Welcher Autor sucht noch einen Verlag? Und woher weiß man überhaupt, zu wem man als Schriftsteller passt? Deswegen kann man sich für „Date deinen Verlag“ bewerben – sowohl als Verlag, als auch als Autor. Am 15. März von 11-12:30 Uhr findet im Fachforum der Halle 5 ein gemeinsamer Austausch statt, bei dem man sich – ganz wie bei einem Date üblich – gegenseitig beschnuppern kann. Im Idealfall der Anfang einer großen Liebe …


Wie zufrieden sind Autoren mit ihren Verlagen?

Durch die Möglichkeit des Selfpublishings beginnen immer mehr Autoren an ihren Verlagen zu zweifeln – bekommen sie noch genug Gegenleistung für die vereinbarten Prozente? Die Digitalbookworld hat nun die Ergebnisse einer ausführlichen (über 2.500 Schriftsteller nahmen teil) Autorenstudie ausgewertet und dabei explizit zwischen Indieautoren d.h. Selfpublishern und Verlagsautoren unterschieden.

Sie fanden z.B. heraus, dass Verlagsautoren sowie Autoren, die beide Möglichkeiten kombinieren, im Durchschnitt deutlich mehr verdienen als reine Selfpublisher – die jährlichen Einnahmen bleiben aber weiterhin eher gering und auch in Amerika können nur die wenigsten Autoren allein von ihren Büchern leben:

Author Survey / Digitalbookworld
Author Survey / Digitalbookworld

Die komplette Studie kann hier heruntergeladen werden – die Digitalbookworld wird die Ergebnisse allerdings auch in mehreren Artikeln ausführlich besprechen.

Schreiben neben Job bzw. Studium erfordert oft eine Menge Disziplin. Wie man es trotzdem schafft, das erzählen sechs Studenten auf Spiegel Online. Sie haben ihren ersten Roman währen des Studiums geschrieben und geben nun Tipps gegen Schreibblockaden!


Spiegel Online verlinkt jetzt auf Buchhandel.de

image_manager__cfu_buchhandel_de_pb_banner_125x125_visual_1Viele Jahre fehlte es an einer sinnvollen Alternative zum Affiliate-Programm von Amazon, deswegen verlinkten alle Leser, Autoren und auch Journalisten stets auf den Großkonzern. Dann gab es große Kritik an Spiegel Online, da die dazugehörige Bestsellerliste stets sehr gut im stationären Buchhandel beworben wird und diese Zusammenarbeit auch online nachvollziehbar sein sollte. Dieser kleine Disput hat nun ein Ende, denn ab sofort verlinkt der Spiegel auch auf Buchhandel.de – die komplett überarbeitete Website des Börsenvereins. Dieser muss seine Bemühungen in jeglicher Richtung auch dringend verstärken, da immer mehr Mitglieder den Verein verlassen. Im Prinzip ist es ganz einfach: man geht auf die Seite, stöbert herum oder sucht gleich den gesuchten Titel und legt ihn in den Warenkorb. Verschickt wird das Buch dann von der lokalen Buchhandlung – man kann es aber auch direkt dort vor Ort abholen. Über 500 Buchhändler haben sich bereits eintragen lassen. Bisher ist die Website noch in der beta-Phase, d.h. es wird ab jetzt weiterhin stark an der Verbesserung gearbeitet! Ich finde es grundsätzlich großartig, in der Realität noch optimierbar und verweise ab jetzt ebenfalls in der Sidebar darauf. Ich musste mir aber leider aus ästhetischen Gründen eine alternative Grafik basteln! Ansonsten: bitte mitmachen!


Verlagsvorstellung: Verlag Hermann Schmidt Mainz

Neulich wurde ich nach einigen Lieblingsbüchern gefragt und „Die Kunst, ein kreatives Leben zu führen“ von Frank Berzbach war Teil meiner Antwort. Dieses Buch ist nicht nur inhaltlich ein Schmuckstück, es ist auch gestalterisch ganz außergewöhnlich und für den produzierenden Verlag Hermann Schmidt aus Mainz ist dies die Regel statt die Ausnahme. Bei Shutterstock gibt es jetzt ein ebenfalls sehr schönes und ausführliches Portrait über den Verlag nachzulesen, das hoffentlich noch viele weitere Leser für ihn begeistern kann!

Viel Liebe zum Inhalt zeigt auch Verleger Sebastian Guggolz in der FAZ – er hat sechs Jahre bei Matthes & Seitz gearbeitet und nun seinen eigenen Guggolz Verlag in Berlin gegründet:

Um wirtschaftlich zu überleben, muss er von jedem seiner Bücher im Durchschnitt 2000 Exemplare verkaufen – gerne auch bei Amazon, das tut ihm nicht weh. Bei seinen beiden ersten beiden Büchern hat er das fast geschafft. Ein Gehalt kann er sich deswegen noch lange nicht zahlen, deswegen korrigiert er nebenbei noch Artikel für Zeitschriften.

 

 

Die Begeisterung, mit der Guggolz von bedrucktem Papier spricht, findet man heute nicht mehr oft. E-Books? Interessieren ihn nicht. Ein teures Lesebändchen? Muss sein. Betriebswirtschaftlich clever ist das alles vielleicht nicht. Aber hübsch allemal. Und Spaß macht es offenbar. „Ich arbeite am Abgrund“, sagt Guggolz und lacht so breit, das es fast irritiert. So schlimm scheint es am Abgrund nicht zu sein, wenn dort eine schöne Blume wächst.


Reisetipp: schmökern in der südlichsten Bibliothek Deutschlands!

„Ach, das tut mir jetzt leid für Sie. Die Bis(s)-Reihe hat sich erst heute Vormittag der Pinguin ausgeliehen!“ So oder so ähnlich könnte es einem in der Antarktis ergehen – dort gibt es nämlich einen Bibliothekscontainer des Alfred-Wegener-Instituts für Polar- und Meeresforschung und über den berichtete die Hannoversche Allgemeine:

Jetzt feiert die Bibliothek ihren 10. Geburtstag – wieder mit einer Ladung neuer Bücher und 40 Liter Kölsch, die der Erfinder der Bibliothek, der Kölner Künstler Lutz Fritsch, jedes Jahr zum Neujahrsempfang in die Antarktis schickt. Rund 700 Bücher stehen inzwischen in den Regalen. Bis zu 1000 Bücher könne die Bibliothek fassen, sagt Fritsch.

 

Klingt nach einer guten Kombination (auch für prokrastinationssüchtige Schriftsteller) und wer vor seinem nun übereilten Aufbruch gen Süden mal nach dem Wetter auf der Station kucken will, dort gibt es natürlich auch eine Webcam!

 

Dann mal gute Reise und bis nächste Woche,

 

Eure Karla

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