Buchkolumne 02/2015: Rowohlt Verlag, Je suis Charlie, Augmented Reality, Nicholas Sparks und die Liebe zu Schachtelsätzen


„Bücher sind eine gute Geldanlage“

Im Hamburger Abendblatt ist ein sehr lesenswertes Interview mit Peter Kraus vom Cleff, dem Geschäftsführer des Rowohlt Verlags, erschienen. Er berichtet darin offen von den Veränderungen und Herausforderungen der Buchbranche und bezeichnet sich selbst als „Chef im Maschinenraum“:

fGhO7MrP_400x400Auch das ist eine Gratwanderung: sich verändern und doch treu bleiben. „Wir wollen ein literarischer Verlag mit populären Begleitschiffen sein“, sagt der Geschäftsführer. Er nennt das „traditionell innovativ“. Rowohlt soll als Qualitätslabel weiterbestehen. Dazu gehört die Pflege und Weiterentwicklung des literarischen Erbes, zum Beispiel der Fokus, den der Verlag von Hemingway und Faulkner auf große amerikanische Literatur setzt, also Autoren wie Philip Roth, Thomas Pynchon, John Updike, Paul Auster, Jonathan Franzen, Jeffrey Eugenides und Denis Johnson. „Und es werden auch immer wieder Projekte mit negativem Deckungsbeitrag gemacht, wenn uns der Titel programmatisch wichtig ist.“


 

Augmented Reality im Literaturbereich

Neben Social Reading und Storytelling ist Augmented Reality einer der großen Hypes der Buchbranche in letzter Zeit. Doch was heißt das eigentlich und wie und wo wird sie von den Verlagen in der Literatur verwendet? Fabian Kern zeigt aktuelle Beispiele der Buchhandlung Mayersche sowie dem Carlsen Verlag auf. Viele Verlage investieren in die Zukunft und entwickeln neben eigenen Communities, Digitallabeln und anderen Medienprojekten auch in solche technischen Neuerungen, die sicherlich zuerst einmal weit mehr kosten als einbringen. Genau dieser Gedanke hindert allerdings andere Branchenteilnehmer an Innovationen, während das vom Verlag zum Medienkonzern gewachsene Familienunternehmen Bastei Lübbe fast monatlich mit Aufkäufen, Entwicklungen und Kooperationen von sich reden macht. Die Technik hilft inzwischen die von Autoren geschaffene Welt aus dem Buch auch mit anderen Medien vielseitig darzustellen – Augmented Reality ist eine weitere solche Möglichkeit. Gerade im Sach-, Kinder- und Lehrbuch-Bereich können Inhalte so besser dargestellt und verstanden werden, wie dieses Video zeigt:


Je suis Charlie – die Buchbranche steht fest für Pressefreiheit

je-suis-charlieStetiger Wechsel zwischen Wut und Sprachlosigkeit, emotional aufgeheitzten Diskussionen und ohnmächtigem Entsetzen prägte die letzte Woche. In Paris wurden mehrere Redaktionsmitglieder der satirischen Zeitschrift „Charlie Hebdo“ von Terroristen ermordet. Weltweit gab es daraufhin unter dem Motto „Je suis Charlie“ (Ich bin Charlie) Demonstrationen und viele Menschen wechselten in den sozialen Netzwerken ihr Profilbild gegen eine dementsprechende Grafik.

Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels reagierte schnell und rief die deutsche Seite WirsindCharlie.de ins Leben. Leser, Autoren, Verlage sowie der Buchhandel können sich dort online eintragen und somit mit ihrem Namen für Pressefreiheit einstehen. Zudem kann man die „Je suis Charlie“ Grafik auf seiner Website einbinden und Geld spenden.

„Unterwerfung“ – der neue Roman des stets umstrittenen französischen Autors Michel Houellebecq erschien am Tag des Anschlags und behandelt die Integrationsprobleme in Frankreich sowie den dortigen Aufeinanderprall von verschiedenen Kulturen und Religionen. Umso mehr wie eine grauenhafte Marketingkampagne erscheint dieser Zufall, weil Houellebecq mit einem der getöteten Journalisten befreundet war sowie die Zeitschrift die Diskussion um den Roman als aktuellen Titel hatte. Der Schriftsteller brach die komplette Werbetour für den Roman ab, wie die FAZ berichtet. „Unterwerfung“ erscheint am 16. Januar beim Dumont Verlag in Deutschland.

Auch Autorin Sibylle Berg hat in ihrer wöchentlichen Spiegel-Kolumne über das Attentat geschrieben:

Ich habe keine Antwort. Oder jeden Tag eine andere. Ich versuche, kein Arschloch zu werden. Nicht an einfache Lösungen zu glauben. Nicht feige zu werden. Mehr ist nicht drin.

 

Heyne Hardcore Programmleiter Markus Naegele zitiert zu diesem Anlass James Lee Burke:

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Autoren und Social Media

Freiheit für Texte gilt nicht nur für die Presse, sondern auch für Schriftsteller. Die Welt berichtet über eine PEN-Studie, in welchen Ländern sich Autoren besonders verfolgt fühlen und impliziert auch eine grundsätzliche Paranoia bei der schreibenden Zunft:

Ein gutes Drittel der Befragten dort geben an, dass sie es schon mal vermieden haben, über ein brisantes Thema zu schreiben. Fast ebenso viele sagen, dass sie sich in Telefonaten und Mails selbst zensieren. Und auch bei Social-Media-Aktivitäten sind die Schriftsteller sehr zurückhaltend. Ob das nun auf extreme Vorsicht zurückzuführen ist oder darauf, dass viele Autoren Tumblr, Twitter und Instagram nicht bedienen können, geht aus der Studie nicht hervor.

 

Autor Neil Gaiman kann Social Media mit Millionen von Followern sehr gut bedienen, nahm sich in 2014 aber trotzdem eine viermonatige Auszeit von den Netzwerken. Dies ist durchaus weiterzuempfehlen: abandon social media and get bored for inspiration


 

Zur Sache Sätzchen – die beliebtesten Lieblingssätze 2014

Bis zum 09. Januar 2015 konnte man den beliebtesten Lieblingssatz des vergangenen Jahres wählen. Gewonnen hat der verstorbene Autor Wolfgang Herrndorf mit:

Verrückt sein heißt ja auch nur, dass man verrückt ist, und nicht bescheuert.

 

Auf der dazugehörigen Facebookseite „Lieblingssätze“ werden regelmäßig wunderschöne Satzbauten, Kuriositäten aus dem Literaturbereich und kreative Fundstücke veröffentlicht – folgen lohnt!

Anlass genug um mal wieder mit meiner grenzenlosen Liebe zu Schachtelsätzen anzugeben. Ich schwärme Zeit meines Lebens für ausschweifende kleine Miniaturgeschichten zwischen Satzanfang und -Ende mit zahllosen Interpunktionen. Ein sehr schönes Beispiel ist eines meiner Lieblingsbücher, „Die niedrigen Himmel“ von Anthony Marra, mit einem (siehe gelbe Markierung) Satz über zwei Seiten:

NiedrigeHimmel


Kein Happy-End – Nicholas Sparks trennt sich von Ehefrau

In der Liebe ist alles möglich!

 

Dieses Zitat kann man vielseitig interpretieren und es stammt von Bestsellerautor Nicholas Sparks – kaum einer weiß die Herzen seiner Leserinnen romantischer zu erobern. Allerdings gelang ihm das nach 25 Jahren nicht mehr bei seiner Frau Cathy. Die amerikanische Presse berichtete diese Woche von der Trennung der beiden Eltern, die fünf gemeinsame Kinder haben. Sparks betonte stets, dass er trotz seiner weltweiten Erfolge mit vor Herzschmerz und Beziehungsglück triefenden Romanen selbst kein Experte in Liebesdingen sei. Für ihn gibt es also privat aktuell kein Happy-End – beruflich ist er dafür umso erfolgreicher. Nach Büchern wie „Message in a bottle“, „Wie ein einziger Tag“ und „Das Leuchten der Stille“ sowie deren Verfilmungen kam in dieser Woche „Mein Weg zu Dir“ in die deutschen Kinos:

Viele weitere Literaturverfilmungen kommen in diesem Jahr in die Kinos. Buzzfeed empfiehlt bei 21 davon zuerst die Bücher zu lesen, darunter Bestsellertitel von Cecelia Ahern, EL James, Veronica Roth, Tom Rob Smith und John Green: 21 Books to read before they hit the big screen


Linus Geschke ist bester Debütautor 2014

9783548286365_coverDie Literaturcommunity LovelyBooks lässt ihre Mitglieder beständig abstimmen – über Bücher, Autoren, Genres und in jedem Herbst gibt es zusätzlich noch die Publikumswahl „Leserpreis“. Zum besten Debütautor des Jahres 2014 wurde nun Krimiautor Linus Geschke gewählt, der somit nicht nur mich und die WELT mit seinem ersten Roman „Die Lichtung“ (Ullstein Verlag) begeistern konnte. Herzlichen Glückwunsch an den Journalisten, der aktuell am Nachfolger für seinen Ermittler Jan Römer schreibt!


 

Der Triumphzug des Schmetterlings – Tolinos überall

Auch wenn der E-Book-Hype in tatsächlichen Verkaufszahlen zu stagnieren scheint (aktuell werden knapp 5 Prozent aller Bücher in der Digitalversion gekauft), gefühlt sieht man in öffentlichen Verkehrsmitteln, Arztzimmern und Cafés immer mehr der kleinen Lesegeräte. Die Wirtschaftswoche hat nun einen ausführlichen Bericht über den angeblichen Triumphzug des Tolinos gegen den bisherigen Marktführer Amazon Kindle veröffentlicht.

So stieg der Umsatzanteil der E-Books, die in Deutschland auf dem Tolino gelesen werden, im dritten Quartal 2014 um weitere sieben Prozentpunkte auf den Rekordwert von 45 Prozent, so der Nürnberger Marktforscher GfK. Der Anteil von Amazon schrumpfte dagegen um neun Prozentpunkte auf 39 Prozent. Damit schaffen es die deutschen Buchhändler zum ersten Mal, Amazon zurückzudrängen. „Das hätte keiner von uns allein geschafft“, sagt Thalia-Chef Busch, „allein wären wir untergegangen in diesem Geschäft.“

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Inzwischen können auch unabhängige Buchhandlungen das Gerät der Tolino-Allianz inklusive ihrer eigenen E-Books verkaufen und mit einer großen Marketingkampagne, günstigen und technisch gut ausgestatteten Readern hat sich der Zusammenschluß rund um Thalia, Hugendubel, Weltbild, Club Bertelsmann sowie der Telekom damit seit 2013 an die Spitze gearbeitet. Negativschlagzeilen bzgl. Amazon helfen dabei zusätzlich – viele Leser wollen ihre digitalen Bücher nicht mehr im geschlossenen Ökosystem des amerikanischen Konzerns kaufen und sehen sich ganz gezielt nach einer offenen Alternative um. Die Allianz will sich allerdings nicht auf dem aktuellen Erfolg ausruhen, so Thalia Chef Michael Busch:

„Jedes neue Gerät muss sitzen“, sagt Thalia-Chef Busch, „wir dürfen uns keinen einzigen Flop erlauben.“

 

Die Buchhandels-Ketten Osiander und Mayersche kamen hingegen mit einer originellen Marketingaktion in die Presse – die Kunden konnten bis Anfang Januar ihre Kindle-Geräte gegen den E-Reader Pocketbook tauschen. Genaue Zahlen werden nicht genannt. Die alten Kindle-Reader werden nun an eine gemeinnützige Organisation gespendet.


Die Stiftung Buchkunst vergibt 10.000 Euro für das schönste Buch 2015

Schönheit liegt im Auge des Betrachters – in diesem Fall zwischen den Händen des Lesers und immer wieder erfreuen sich die Liebhaber des gedruckten Buches lautstark an der Haptik. Bis Ende März kann man sich mit seinem Titel für den mit 10.000 Euro dotierten Preis für das schönste Buch 2015 bewerben, ebenso vergibt die Stiftung Buchkunst einen Förderpreis für junge Buchgestaltung:

image_manager__normal_plakette_var1_sw_4c_final»Die schönsten deutschen Bücher 2015«, eine feste Anzahl von 25, werden von einer zweistufigen Jury aus den Einsendungen gewählt. Diese 25 Bücher, die sich durch erstklassige Gestaltung, Konzeption und Verarbeitungauszeichnen, sind gleichzeitig die Nominierungen für den mit 10.000 Euro dotierten »Preis der Stiftung Buchkunst«, der für »das schönste deutsche Buch« vergeben wird. Mit diesen herausragenden Büchern soll der Blick der Öffentlichkeit über den Inhalt hinaus auf buchgestalterische und buchherstellerische Spitzenleistungen gelenkt und damit dem Medium und seiner Form in Deutschland mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden.

 

Alle Informationen zu Einreichung, Jury und die Gewinner des letzten Jahres sind auf der dazugehörigen Website zu finden: jetzt bewerben!


Blogempfehlung: Steglitzmind stellt Kleinverleger vor

Gesine von Prittwitz interviewt für ihren Blog regelmäßig Buchhändler, Autoren, Blogger und Verleger – in dieser Woche waren Zoe Beck und Jan Karsten vom Digitalverlag „Culturbooks“ dran. Ihr besonderes Augenmerk richtet sich auf die Vorstellung von Kleinverlegern, die evtl. noch keinen großen Bekanntheitsgrad erreicht haben und sich meist auf Liebhaberliteratur spezialisieren. Zudem können die Gesprächspartner weitere spannende Kontakte für folgende Interviews vorschlagen. Es lohnt sich auch die älteren Texte nachzulesen, so ein bisschen in der Buchbranche zu stöbern und neue interessante Projekte zu entdecken!


 

Wann stirbt welches Printmedium?

Bei einem aktuellen OpenData-Projekt kann man sich anzeigen lassen, welche Halbwertszeit der Lieblingstitel hat. Diese Berechnungen erfolgen aufgrund der Meldungen der Verkaufszahlen an die IVW sowie der Rückgänge der letzten Jahre – Schwankungen wegen technischen und/oder sozialen Veränderungen sind aber meist unberechenbar und deswegen natürlich nicht enthalten. Bisher sind keine Buchverlage integriert, deren Tod ebenfalls des öfteren aufgrund von neuen Möglichkeiten der Selbstveröffentlichung sowie Konkurrenz durch Amazon etc. beschrien wird.


Hörbücher bei Spotify in der Flatrate hören 

Bildschirmfoto 2015-01-10 um 20.42.39Vorreiter für E-Book-Flaterates wie Skoobe, readfy und Amazon Unlimited sind Film- und Musikflatrateportale wie z.B. Spotify. Dort gibt es kostenlos (im Browser hören) oder für einen monatlichen Festbeitrag (Musik herunterladbar) Millionen von Titel für jede Geschmacksrichtung. Viele wissen aber (trotz mehrmaligen Hinweisen meinerseits) nicht, dass es dort neben Musik auch Hörbücher, Lesen sowie Hörspiele gibt und z.B. der Argon Verlag regelmäßig seine Titel importiert, aber auch z.B. Bastei Lübbe ist mit einer Auswahl dabei. Man kann gezielt nach Autoren bzw. „Künstlern“ sowie Hörbüchern bzw. „Alben“ suchen oder einfach mal direkt in der Hörbuch-Übersichtsliste auf Spotify stöbern!


 

Wer zum Schluß noch ein neues Reiseziel sucht – wie wäre es denn mit Schweden? Die ZEIT berichtet so leidenschaftlich von der Neuübersetzung des Kinderbuchklassikers Nils Holgersson, dass man gleich losfahren und sich mit dem Buch in einem roten Holzhäuschen einmieten möchte!

Bis nächste Woche,

 

Eure Karla

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3 comments

  1. Liebe Karla,

    wie schön, wieder häufiger von dir zu lesen. Danke für die Infos über Nils Holgersson; ich wusste gar nicht, dass es eine neue Ausgabe gibt, ein richtiges Schmuckstück ♥

    Hörbücher höre ich mittlerweile öfter über Spotify als über Audible oder auf CD. Ich finde das Angebot klasse und würde es auch jedem weiter empfehlen.

    Ich wünsche dir noch einen schönen Restsonntag!

    Liebe Grüße
    Sandra

    1. Liebe Sandra,

      sehr gern. Aktuell ist die Ausgabe wohl sogar vergriffen, müsste aber bald wieder lieferbar sein!

      Problematisch bei Spotify ist natürlich die Abrechnung für Verlage und Autoren, da bleibt nicht viel übrig. Da habe ich auch immer ein schlechtes Gewissen, wenn ich ehrlich bin. Ich würde für das Abo auch tatsächlich mehr bezahlen, damit dann für die Künstler mehr übrig bleibt. Audible ist ja Amazon, das versuche ich weitestgehend zu vermeiden.

      Liebe Grüße aus dem Norden,

      Karla

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